Der Kaiser und das Fräulein
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
27 Zeilen · zuerst gedruckt 1882
Hoch am Septimer, dem Kaiserpasse,(Denn die Kaiser pflegten nach ItalienUeber dieses Bergesjoch zu reiten)Hielt ich unter steilen SonnenstrahlenMittagsrast. Mir gegenüber wand sichUm den Felsen noch ein Stück des altenSaumwegs schwebend über jähem Abgrund.Mittag ist des Berges Geisterstunde.In die Sonne blinzelt’ ich. Ein Hornruf!Banner flattern. Schwert und Bügel klirren.Frau’n und Ritter gleiten aus den Sätteln.Sorglich leiten Säumer scheue Rosse.Die gestrenge Kais’rin seh’ ich schreiten,Ein versteinert Weib mit harten Zügen.Hinter ihr die Fräulein. Einer ZartenSchwindelt plötzlich. Ihre Kniee wanken.Sich entfärbend lehnt sie an die Bergwand …Rasch ein Held – er trägt das KaiserkrönleinUm die Kappe – fängt in seinen mächt’genArmen auf das wanke Kind und trägt esAn die Brust gedrückt. Das Mädchen schwebteSicher überm Abgrund und er raubt’ ihrEinen flücht’gen Kuß. Da schwand das Blendwerk.Weiter pilgernd räthselt’ ich ein Weilchen:War es einer der Ottonen oderWar’s ein Heinrich oder war’s ein Friedrich,Der die wehrlos Schwebende geküßt hat?
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 84, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Kaiser und das Fräulein“, Fassung 3.434.559 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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