Zum Inhalt springen
Versbuch

Der Hund

Christian Fürchtegott Gellert · 17151769

72 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1769

Phylax, der so manche NachtHaus und Hof getreu bewacht,Und oft ganzen DiebesbandenDurch sein Bellen widerstanden;Phylax, dem Lips Tullian,Der doch gut zu stehlen wußte,Selber zweymal weichen mußte;Diesen fiel ein Fieber an.

Alle Nachbarn gaben Rath.Krumholzöl und MithridatMußte sich der Hund beqvemen,Wider Willen, einzunehmen.Selbst des Nachbar Gastwirths Müh,Der vordem in fremden Landen,Als ein Doctor, ausgestanden,War vergebens bey dem Vieh.

Kaum erscholl die schlimme Post,Als von ihrer MittagskostAlle Brüder und Bekannten,Phylax zu besuchen, rannten.Pantelon, sein bester Freund,Leckt ihm an dem heissen Munde.O, erseufzt er, bittre Stunde!O! wer hätte das gemeynt?

Ach! rief Phylax, Pantelon!Ists nicht wahr, ich sterbe schon?Hätt ich nur nichts eingenommen,Wär ich wohl davon gekommen.Sterb ich Aermster so geschwind:O! so kannst du sicher schreyen,Daß die vielen ArzeneyenMeines Todes Qvelle sind.

Wie zufrieden schlief ich ein!Sollt ich nur so manches Bein,Das ich mir verscharren müssen,Vor dem Tode noch geniessen.Dieses macht mich kummervoll,Daß ich diesen Schatz vergessen,Nicht vor meinem Ende fressen,Auch nicht mit mir nehmen soll.

Liebst du mich, und bist du treu,O! so hole sie herbey;Eines wirst du bey den Linden,An dem Gartenthore finden;Eines, lieber Pantelon!Hab ich nur noch gestern MorgenIn dem Winterreiß verborgen;Aber friß mir nichts davon.

Pantelon war fortgerannt,Brachte treulich, was er fand;Phylax roch, bey schwachem Muthe,Noch den Dunst von seinem Gute.Endlich, da sein Auge bricht,Spricht er: Laß mir alles liegen!Sterb ich, so sollst du es kriegen;Aber, Bruder, eher nicht.

Sollt ich nur so glücklich seyn,Und das schöne Schinkenbein,Das ich – – doch ich mags nicht sagen,Wo ich dieses hingetragen.Werd ich wiederum gesund;Will ich dir bey meinem Leben,Auch die beste Hälfte geben;Ja du sollst – – Hier starb der Hund.

Der Geizhals bleibt im Tode karg,Zween Blicke wirft er auf den Sarg,Und tausend wirft er mit EntsetzenNach den mit Angst verwahrten Schätzen.O schwere Last der Eitelkeit!Um schlecht zu leben, schwer zu sterben,Sucht man sich Güter zu erwerben;Verdient ein solches Glück wohl Neid?

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 37–39, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Hund“, Fassung 4.597.563 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Christian Fürchtegott Gellert

Alle Gedichte von Christian Fürchtegott Gellert ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Aufklärung

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.