Der Maler
Christian Fürchtegott Gellert · 1715–1769
32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1769
Ein kluger Maler in Athen,Der minder, weil man ihn bezahlte,Als, weil er Ehre suchte, malte,Ließ einem Kenner einst den Mars im Bilde sehn,Und bat sich seine Meynung aus.Der Kenner sagt ihm frey heraus,Daß ihm das Bild nicht ganz gefallen wollte,Und daß es, um recht schön zu seyn,Weit minder Kunst verrathen sollte.Der Maler wandte vieles ein:Der Kenner stritt mit ihm aus Gründen,Und konnt ihn doch nicht überwinden.
Gleich trat ein junger Geck herein,Und nahm das Bild in Augenschein.O! rief er, bey dem ersten Blicke,Ihr Götter, welch ein Meisterstücke!Ach welcher Fuß! O, wie geschicktSind nicht die Nägel ausgedrückt!Mars lebt durchaus in diesem Bilde.Wie viele Kunst, wie viele Pracht,Ist in dem Helm, und in dem Schilde,Und in der Rüstung angebracht!
Der Maler ward beschämt gerühret,Und sah den Kenner kläglich an.Nun, sprach er, bin ich überführet!Ihr habt mir nicht zuviel gethan.Der junge Geck war kaum hinaus:So strich er seinen Kriegsgott aus.
Wenn deine Schrift dem Kenner nicht gefällt:So ist es schon ein böses Zeichen;Doch wenn sie gar des Narren Lob erhält:So ist es Zeit, sie auszustreichen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 121-122, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Maler“, Fassung 4.602.696 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.
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