Der junge Krebs und die Seemuschel
Christian Fürchtegott Gellert · 1715–1769
26 Zeilen · zuerst gedruckt 1769
Der Muschel, die am seichten StrandeIhr Haus bald von einander bog,Bald wieder fest zusammen zog,Sah einst, mit Neid und Unverstande,Ein junger Krebs aus seiner Höhle zu.O Muschel, wie beglückt bist du!O! daß wir Krebse nur so elend wohnen müssen!Bald stößt der Nachbar mich aus meiner Wohnung aus,Und bald der Sturm. Du hast dein eigen steinern Haus,Kanst, wenn du willst, es öffnen und verschliessen.Vergönne mir nur einen Augenblick,Ich weis, du gönnst mir dieses Glück,In deinem Schlosse Platz zu nehmen.Ich, sprach sie, sollte mich zwar schämen,In mein nicht aufgeputztes Haus,Denn in der That siehts itzt nicht reinlich aus,Vornehme Herren einzunehmen.Doch dienet es zu Ihrer Ruh,Auf kurze Zeit zu mir sich zu verfügen:So dien ich Ihnen mit Vergnügen;Wir haben Platz. Er kömmt. Sie schließt ihr Schloß fest zu.Mach auf, schreyt er, denn ich ersticke.Bald, spricht sie, will ich dich befreyn;Sieh erst der Mißgunst Thorheit ein,Und lerne hier, mit deinem Glücke,Wenn dirs gefällt, zufrieden seyn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Drittes Buch. S. 287, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der junge Krebs und die Seemuschel“, Fassung 4.602.958 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.
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