Der Regen läuft an den Häusern entlang
Alfred Henschke · 1890–1928
29 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1927
2.
Der Regen läuft an den Häusern entlangWie tausend silberne Käfer.Fahles Licht fällt kupfern in mein Zimmer.Ein Mann mit Holzbein singt auf dem Hinterhof:Lang, lang ist’s her –
Wie währte kurz des Sommers heißes Glück.So kurz wie zwischen Kuß und Kuß ein Hauch.Wenn ich morgens meine Haare strähle,Entdecke ich immer mehr weißeZwischen den schwarzen und grauen.Leiser schlägt das Herz von Tag zu Tag:Die Abendglocke hinter den Wäldern.
Wie war vergebens alles, was ich tat:Im Traum der Nacht, im Anbeginn des Tags.Ich traute, vertraute Gott, dem Bruder,Der mir mein Gut stahl,Mein Gutes und meine Güte.
Die Tenne dröhnt.Sie dreschen volles Stroh und leere Worte.Es riecht beim Bauern nach eingekochten Zwetschgen.Abends nach des Tages Arbeit liest er in der Bibel:Alles ist Liebe!Und prügelt sein schwangeres Weib.
Der Briefbote bringt nur Verzweiflung ins Haus.Meine alte Tante verkauft ihr letztes, ein rostiges Klavier.Sie spielt noch einmal mit knöchrigen FingernDas Lied ihrer Jugend:Lang, lang ist’s her –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Harfenjule S. 52 - 53, 1. Auflage, Die Schmiede, Berlin, 1927
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Regen läuft an den Häusern entlang“, Fassung 3.440.487 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Alfred Henschke starb 1928; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1998 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 1182379923 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.