Der Verzweifelte
Alfred Henschke · 1890–1928
30 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1927
1
Noch nie hat mir der Herbst so weh getan,daß ich mich ohne Freundin blaß begnüge.Am Bahnhof steh’ ich oft und seh’ die Zügeeinlaufen nach des Kursbuch’s rotem Plan.
Hier kommt ein Zug um fünf und dort um sechs.Der aus Polzin. Und der aus Samarkand.So oft ich mich an eine Frau gewandt,entfloh sie mit dem Zeichen höchsten Schrecks.
Man wundert sich, daß ich so kopflos binund daß ich ohne Beine gehen kann,und daß ich ohne Männlichkeit ein Mann,und daß ich ohne Sinnlichkeit ein Sinn.
2
Mich liebt kein Mensch. Ich sitze hier beim Tee.Es schmerzt das Herz, die Niere tut mir weh.Die Mädchen, welche mich geschminkt begrüßen,sie sind mit großer Vorsicht zu genießen.
Sie stellen mit des Abenteurers BuntheitAnforderung an unsre Gesundheit.Die ist mir heilig. Etwas andres nicht.Kein Mensch, kein Tier, kein Stern und kein Gedicht.
Wenn ich hier Verse reimend niederschreibe,geschieht es nur zu meinem Zeitvertreibe.Man glaube nicht an Absicht oder Zweck.Ich bin ein hirnlich infizierter Dreck.
Der fiel von einem Pferd, das fern enttrabt.Ich werde weder gern noch sonst gehabt.Man sieht durch mich hindurch. Man geht an mir vorbei.Und niemand hört des Stummen Klageschrei.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Harfenjule S. 19–20, 1. Auflage, Die Schmiede, Berlin, 1927
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Verzweifelte“, Fassung 3.779.674 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Alfred Henschke starb 1928; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1998 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 1182379923 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.