Zum Inhalt springen
Versbuch

Die kleine Puppe

Kurt Tucholsky · 18901935

36 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 4. April 1919

Im Modenhaus des Nachts. Aus der Vitrine,am Eingang links, steigt auf gespensterhaftein schwarzer Pupperich mit bleicher Miene,stelzt zu der Puppenmaid in weißem Taft,lüpft den Zylinder, hüstelt in die Hand sich …„Madame –“, sagt er.Allein die Puppe sprach:„Mein Herr! Ich koste sechzig Mark und zwanzig!’s steht hinten drauf! da sehen Sie nur nach!“

„Gnädige Frau!“ sagt er. „Ich bin begeistert.Sie sind so duftig, weiß und weich und zart.Mich hat man etwas hager hingekleistert –Jedoch mein Tanzbein ist von seltener Art.Es geigt der Wind ums Haus … Den Foxtrott tanz ichwie’n Bar-Baron!“Allein die Puppe sprach:„Mein Herr! Ich koste sechzig Mark und zwanzig!’s steht hinten drauf! da sehen Sie nur nach!“

„Gnädige Frau!“ sagt er. „Im Menschenlebenist dies nicht immer so hübsch zweifellos.Es soll da, hört ich, manche Damen geben,bei denen ist der Kostenpunkt dubios.Ich habe sechzig Mark, jedoch es sind sichkeine Groschen plus.“ Die kleine Puppe sprach:„Mein Herr! Ich koste sechzig Mark und zwanzig!’s steht hinten drauf! da sehen Sie nur nach!

Wir sind hier nicht im lauschigen Liebesgarten,“so sagt sie und hat zierlich sich verneigt,„heut muß man klug sein und geduldig warten,bis unser Warenpreis noch weiter steigt.Ich habe Zeit. – Kein Speck wird heut mehr ranzig.Vielleicht naht bald ein Jüngelingverband sichund kauft mich auf. Ich hab das lieber so.Ich steige noch einmal bis hundertzwanzig!Grüß Gott –!Auf Wiedersehn am Ultimo!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Ulk Jahrgang 48. Nummer 14. Seite 46, Rudolf Mosse, Berlin, 4. April 1919
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die kleine Puppe“, Fassung 3.518.919 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Kurt Tucholsky

Alle Gedichte von Kurt Tucholsky ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.