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Versbuch

Nachtbild

Ada Christen · 18441901

142 Zeilen · zuerst gedruckt 1870

Nacht bedeckt den kleinen Friedhof.In dem dumpfen LeichenhauseFlackert zitternd einer LampeRothe Flamme. – Heiser knarrenJene Thüren, die das LebenSorgsam von dem Tode trennen.Meine Hand hat sichern DruckesSie geöffnet; wie im SchlafeAber wandelnd, dacht’ ich nimmer,Sie zu schließen. –Leise, wie mit GeisterstimmenKlagt der Wind dort in den Weiden,Pochet zürnend an die Fenster,Flüstert mit den kranken Blumen,Die aus der Verwesung sprießen,Treibet mit den WetterhähnenAuf dem Thurm sein ächzend Spiel,Flieget wimmernd um das Häuschen,Daß die Fenster ängstlich klirrenUnd die Flamme furchsam zuckt ...Jener bangen rothen FlammeSchwankend Leuchten schien ein Winken,Dem ich folgte, traumbefangen,Und nun steh’ ich in dem engenSchaurig-öden, kahlen Stübchen, –Ich allein bei einem Todten.– – – –Auf zwei Schragen und zwei BretternRuht der Todte, alt und häßlich,Nur in Lumpen eingehüllet;Ihm zu Haupte brennt die Lampe,Deren zuckend rothe LichterÖfter wie ein Lächeln gleitenÜber die erstarrten ZügeDes verkommenen Gesellen.Eine harmlos gläub’ge HandSuchte seine wildgeballten,Nun im Tod gekrampften HändeFromm zu falten, wie bei Jenen,Deren Leben schloß ein Beten. –Auf zwei Schragen und zwei BretternRuht der Todte, still und einsam,Schläft den letzten, traumlos, leeren,Ewigen Schlaf.....Noch am Morgen jagten Bosheit,Breit Behagen – dem das ElendUnverständlich – Rohheit, KaltsinnRuhlos ihn von Thür zu Thüre,Und des Abends wankte jenerUnglücksel’ge, wie betrunken,Durch die Straßen. Hunger weinteAus den kranken, trock’nen Augen,Aber Trotz zuckt um die Lippen,Als die Buben, die ihm folgten,Näher trabten, um das UnthierZu beschauen, das man ebenAuf Befehl der weisen, mildenObrigkeit von dannen hetzet.Vagabund! so klingt es lachendAus dem Munde wilder Kinder;Vagabund! so klingt es höhnendAus dem Mund der klugen Alten;Vagabund! schreit roh der Büttel;Vagabund! so ächzt er selber,Weitertaumelnd. – – –An der Straße, bei der GrenzeTodesmüde sinkt er nieder.Fern verklinget das GejohleJener tugendsamen Meute,Die ihn hetzte und befriedigtVon dem Schauspiel heim jetzt kehretZu dem Herde. –Dunkel senket schon die Nacht sichNieder auf die stille Erde,Und es senket auch die Nacht sichNieder auf die dunkle SeeleDes Gehetzten, des Verfluchten;Über seinem armen Antlitz,Grau, wie Spinngeweb’ gebreitet,Liegen Elend und Verzweiflung.Stumm umklammert er den GrenzsteinUnd starrt finster nach dem einz’genTrüben Sterne, der herabschaut,Auf sein Elend. –Und es lösen von dem SteineLos sich seine feuchten HändeUnd sie zucken, zittern, haschenNach den dunklen Nebelschatten.Wild empor sind sie gerichtet,Eine stumme, fürchterliche,Himmelstürmend, crasse Drohung,Wild empor noch schreit der AugenGottverneinend herbe Klage.Aber plötzlich sinken niederSeine Arme; es verlöschenSeiner Blicke letzte Blitze.Von dem schwarzen Himmel knisterndFällt der einz’ge Stern hernieder,Und ein Windstoß, zaust die HaareEiner Leiche .....– – – – –War es wie bei jenen Geiern,Die da wittern, wo das Aas liegt,Das sie nährt sammt ihren Jungen?War es des Geschäftes Eifer,Der ihn trieb, Dich aufzusuchen?Denn es fand Dich, der berufen,Sich zu nähren von den Todten,An dem Grenzstein fand Dich, einsam,Kalt und todt der – Todtengräber.Mit den rauhen, derben HändenTrug er selbst Dich in das Stübchen,Das bestimmt ist für die LeichenJener, die am Wege sterben;Für die Gott- und Weltverlass’nenIst dies Stübchen, ist der Schragen. –Morgen aber scharret ein Dich,Dort im letzten Friedhofwinkel,Einsam, wie er Dich gefunden,Für gar kargen Lohn der Alte,Er allein kann Dich verwerthen:Tod ist Brot ihm! –Und doch trug auf seinen HändenDich ein Mensch zum Ort des Friedens,Und es schlug ein MenschenherzEinmal doch an Deinem Herzen.....Schaurig Mitleid: Dich verspottendNoch im Tode, giebt er Dir nun,Was im Leben Dir wohl nimmerIst geworden: Licht und RuheDach und Hände, die Dich nimmerVon sich stoßen!....– – – – – –Nacht bedeckt den kleinen Friedhof,In dem dumpfen LeichenhauseFlackert ängstlich knisternd, zuckend,Jener Lampe rothe Flamme,Deren Schwanken mir ein Winken,Dem ich folgte traumbefangen –Und noch steh’ ich in dem engenSchaurig-öden, kahlen Stübchen, –Ich alleine bei dem Todten! –

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Aus der Asche. Neue Gedichte. Seite 72–76, Hoffmann & Campe, Hamburg, 1870
Digitalisat
de.wikisource.org — „Nachtbild (Christen)“, Fassung 4.427.723 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Ada Christen starb 1901; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1971 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 119549263 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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