Wiedersehen
Ada Christen · 1844–1901
24 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1870
In bangen Nächten, wenn der graue WahnsinnMit dürren Fingern an das Hirn mir pochte,Wenn glüh’nde Thränen meine Kissen netzten,Mein wildes Herz vor Zorn und Sehnsucht kochte –In solchen Nächten war mir der Gedanke,Daß Du noch lebst, daß ich Dich wiedersehe,Ein Stern, nach dem ich zitternd hob die Hände –Und trotzig weiter schleppt’ ich dann mein Wehe.
Ich sah Dich wieder – wieder plötzlich flammtenSie alle auf, die alten Wahnsinnsgluthen,Der wilde Zorn, der Schmerz, die herbe Liebe –Es war, als müßte ich vor Dir verbluten.Du aber standest mit dem argen Lächeln,Das mir bekannt aus gottverfluchten Tagen;Der fahle Blick macht mir das Herz erstarren:Es war ein freches, antwortsich’res Fragen!
Und Deine Hände streckten fieberglühendSich plötzlich so begehrend mir entgegen,Und mehr und mehr sah ich Dein Bild erblassen,Das mich begleitet einst auf allen Wegen:„Das ist er nicht!“ schrie es in meiner Seele,„So war er nie, so kann er nimmer werden.“Wofür wär’ meine Seligkeit verspielet,Wofür wär’ ich verflucht – verflucht auf Erden! – –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aus der Asche. Neue Gedichte. Seite 6–7, Hoffmann & Campe, Hamburg, 1870
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Wiedersehen (Christen)“, Fassung 4.427.746 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Ada Christen starb 1901; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1971 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 119549263 der Deutschen Nationalbibliothek.
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