Die Hamilton’s
Theodor Fontane · 1819–1898
74 Zeilen in 19 Strophen · zuerst gedruckt 1905
oderDie Locke der Maria Stuart.
Lord William kam zu sterben,Lord William Hamilton;Er spricht zu seinem Sohne:„Nun höre mich an, Sir John!
„Ich lasse Dir Land und Leute,Unsren Namen und unsren Ruhm,Und ich lasse Dir, mehr als alles,Dieser Locke Heiligthum.
„Ich sah die Locke fallen,Ich hörte der Scheere Schnitt –Und als Maria gebetet,Da betete leis ich mit.
„Da hab’ ich’s still geschworen:Zu tragen in Leid und Lust,Zu tragen in Jubel und Thränen,Diese Locke auf der Brust.
„Ich hab’ sie in Thränen getragenUnd laß erst im Tode davon; – –Für die Stuart’s zu leben und sterben,Das schwör’ auch Du, Sir John.“
Lord William hat es gesprochen,Sir John hat’s treu gemeint:Erst barg er still die Locke,Dann hat er still geweint.
Er trug sie zwanzig JahreUnd als sein Stündlein kam,Er mit des Vaters WortenDie Locke vom Herzen nahm.
Er gab sie seinem SohneUnd der Sohn dem Enkel dann,Ihr Erbtheil war die TreueUnd der Locke Talisman.
Und als auf blinkendem ZelterKönig James gen London zog,Und als auf schwarzem SchaffotteKarl’s Haupt vom Rumpfe flog;
Und als an der Boyne wieder„Stuart“ das Feldgeschrei, –In Lust und Leid, die LockeUnd die Hamilton’s waren dabei.
Und waren dabei zuletzt auch,Als auf Cullodens PlanIhre Augen das DistelbannerNoch einmal flattern sahn.
’s war wieder ein Lord WilliamUnd wieder ein Sir John,Ein Alter und ein Junger,Doch Jeder ein Hamilton.
Der Junge focht zu Fuße,Der Alte focht zu Roß,Bis eine englische KugelIhn aus dem Sattel schoß.
Hin reicht’ er seinem SohneDie Locke, roth von Blut,Er hatte nicht Zeit zu sprechen,Er sprach nur: „wahre sie gut!“
Er wahrte sie gut, der Junge,Manchen Mond und manches Jahr,Der Junge ward ein Alter, –Das Herz blieb wie es war.
Und als in letzten TagenIhm Kunde kam in’s Haus:„Sie trugen im fernen SüdenDen letzten Stuart hinaus;“
Da sprach er, als er sterbendSeinem Sohne die Locke gab:„Die Stuart’s sind gestorben,Doch die Treue kennt kein Grab.“
Und siehe, die Hamilton’s wahrenBis heut ihren alten Ruhm,Doch Eines mehr als Alles:Der Locke Heiligthum.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 184–186, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Hamilton’s“, Fassung 1.661.160 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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