Die arme Else
Theodor Fontane · 1819–1898
32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1851
Die Mutter spricht: „lieb Else mein,Du mußt nicht lange wählen;Man lebt sich in einander ein,Auch ohne Liebesquälen;Manch’ Eine nahm schon ihren Mann,Daß sie nicht sitzen bliebe,Und dünkte sich im Himmel dann,Und alles ohne Liebe.“
Jung-Else hört’s und schloß das Band,Das ewge am Altare,Es nahm, zur Nacht, des Gatten HandDen Kranz aus ihrem Haare;Ihr war zu Sinn, als ob der TodSie auf die Schlachtbank triebe, –Sie gab ihr Alles nach – Gebot,Und alles ohne Liebe.
Der Mann ist schlecht, er liebt das Spiel,Und guten Trunk nicht minder,Sein Weib zu Hause weint zu viel,Und ewig schrein die Kinder;Spät kommt er heim, er kost, er – schlägt,Nachgiebig jedem Triebe, –Sie trägt’s, wie nur die Liebe trägt,Und alles ohne Liebe.
Sie wünscht’ sich oft: „es wär’ vorbei“,Wenn nicht die Kinder wären;So aber sucht sie, stets auf’s Neu,Den Gatten zu bekehren;Sie schmeichelt ihm, und ob er dannAuch kalt bei Seit’ sie schiebe,Sie nennt ihn: ihren liebsten Mann,Und alles ohne Liebe.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 115–117, 1. Auflage, Carl Reimarus’ Verlag. W. Ernst., Berlin, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die arme Else“, Fassung 3.778.684 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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