Von den Mädchen
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
38 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1906
I.
Andere müssen auf langen Wegenzu den dunklen Dichtern gehn;fragen immer irgendwen,ob er nicht einen hat singen sehnoder Hände auf Saiten legen.Nur die Mädchen fragen nicht,welche Brücke zu Bildern führe;lächeln nur, lichter als Perlenschnüre,die man an Schalen von Silber hält.
Aus ihrem Leben geht jede Thürein einen Dichterund in die Welt.
II.
Mädchen, Dichter sind, die von euch lernendas zu sagen, was ihr einsam seid;und sie lernen leben an euch Fernen,wie die Abende an großen Sternensich gewöhnen an die Ewigkeit.
Keine darf sich je dem Dichter schenken,wenn sein Auge auch um Frauen bat;denn er kann euch nur als Mädchen denken:das Gefühl in euren Handgelenkenwürde brechen von Brokat.
Laßt ihn einsam sein in seinem Garten,wo er euch wie Ewige empfingauf den Wegen, die er täglich ging,bei den Bänken, welche schattig warten,und im Zimmer, wo die Laute hing.
Geht! … Es dunkelt. Seine Sinne sucheneure Stimme und Gestalt nicht mehr.Und die Wege liebt er, lang und leer,und kein Weißes unter dunklen Buchen, –und die stumme Stube liebt er sehr.… Eure Stimmen hört er ferne gehn(unter Menschen, die er müde meidet)und: sein zärtliches Gedenken leidetim Gefühle, daß euch viele sehn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Buch der Bilder 1. Buch Teil 1, S. 14–15, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Von den Mädchen“, Fassung 2.354.464 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.