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Versbuch

Von den Fontänen

Rainer Maria Rilke · 18751926

41 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1906

Auf einmal weiß ich viel von den Fontänen,den unbegreiflichen Bäumen aus Glas.Ich könnte reden wie von eignen Thränen,die ich, ergriffen von sehr großen Träumen,einmal vergeudete und dann vergaß.

Vergaß ich denn, daß Himmel Hände reichenzu vielen Dingen und in das Gedränge?Sah ich nicht immer Großheit ohnegleichenim Aufstieg alter Parke vor den weichenerwartungsvollen Abenden, – in bleichenaus fremden Mädchen steigenden Gesängen,die überfließen aus der Melodieund wirklich werden und als müßten siesich spiegeln in den aufgethanen Teichen?

Ich muß mich nur erinnern an das alles,was an Fontänen und an mir geschah, –dann fühl ich auch die Last des Niederfallesin welcher ich die Wasser wiedersah:Und weiß von Zweigen, die sich abwärts wandten,von Stimmen, die mit kleiner Flamme brannten,von Teichen, welche nur die Uferkantenschwachsinnig und verschoben wiederholten,von Abendhimmeln, welche von verkohltenwestlichen Wäldern ganz entfremdet traten,sich anders wölbten, dunkelten und thatenals wär das nicht die Welt, die sie gemeint …Vergaß ich denn, daß Stern bei Stern versteintund sich verschließt gegen die Nachbargloben?Daß sich die Welten nur noch wie verweintim Raum erkennen? – Vielleicht sind wir oben,in Himmel andrer Wesen eingewoben,die zu uns aufschaun abends. Vielleicht lobenuns ihre Dichter. Vielleicht beten vielezu uns empor. Vielleicht sind wir die Zielevon fremden Flüchen, die uns nie erreichen,Nachbaren eines Gottes, den sie meinenin unsrer Höhe, wenn sie einsam weinen,an den sie glauben und den sie verlieren,und dessen Bildnis, wie ein Schein aus ihrensuchenden Lampen, flüchtig und verweht,über unsere zerstreuten Gesichter geht …

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Das Buch der Bilder 2. Buch Teil 2, S. 143–146, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
Digitalisat
de.wikisource.org — „Von den Fontänen“, Fassung 2.345.180 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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