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Versbuch

Träumen

Rainer Maria Rilke · 18751926

316 Zeilen in 92 Strophen · zuerst gedruckt Weihnachten 1896

I

MEIN Herz gleicht der vergessenen Kapelle;auf dem Altare prahlt ein wilder Mai.Der Sturm, der übermütige Geselle,brach längst die kleinen Fenster schon entzwei;er schleicht herein jetzt bis zur Sakristeiund zerrt dort an der Ministrantenschelle.Der schrillen Glocke zager Sehnsuchtsschreiruft zu der längst entwöhnten Opferstelleden arg erstaunten fernen Gott herbei.Da lacht der Wind und hüpft durchs Fenster frei.Doch der Erzürnte packt des Klanges Welleund schmettert an den Fliesen sie entzwei.

Und arme Wünsche knien in langer Reihvorm Tor und betteln an vermooster Schwelle.Doch längst schon geht kein Beter mehr vorbei.

II

ICH denke an:Ein Dörfchen schlicht in des Friedens Prangen,drin Hahngekräh;und dieses Dörfchen verloren gegangenim Blütenschnee.Und drin im Dörfchen mit Sonntagsmienenein kleines Haus;ein Blondkopf nickt aus den Tüllgardinenverstohlen heraus.Rasch auf die Türe, die angelheiserum Hilfe ruft, –und dann in der Stube ein leiser, leiserLavendelduft …

III

MIR ist: ein Häuschen wär mein eigen;vor seiner Türe säß ich spät,wenn hinter violetten Zweigenbei halbverhalltem Grillengeigendie rote Sonne sterben geht.

Wie eine Mütze grünlich-samtensteht meinem Haus das moosge Dach,und seine kleinen, dickumrammtenund blankverbleiten Scheiben flammtendem Tage heiße Grüße nach.

Ich träumte, und mein Auge langteschon nach den blassen Sternen hin, –vom Dorfe her ein Ave bangte,und ein verlorner Falter schwankteim schneeig schimmernden Jasmin.

Die müde Herde trollte trabendvorbei, der kleine Hirte pfiff, –und in die Hand das Haupt vergrabend,empfand ich, wie der Feierabendin meiner Seele Saiten griff.

IV

EINE alte Weide trauertdürr und fühllos in den Mai, –eine alte Hütte kauertgrau und einsam hart dabei.

War ein Nest einst in der Weide,in der Hütt ein Glück zu Haus;Winter kam und Weh, – und beideblieben aus …

V

DIE Rose hier, die gelbe,gab gestern mir der Knab,heut trag ich sie, dieselbe,hin auf sein frisches Grab.

An ihren Blättern lehnennoch lichte Tröpfchen, – schau!Nur heute sind es Tränen, –und gestern war es Tau …

VI

WIR saßen beisammen im Dämmerlichte.„Mütterchen“, schmeichelte ich, „nicht wahr,du erzählst mir noch einmal die schöne Geschichtevon der Prinzessin mit goldnem Haar?“ –

Seit Mütterchen tot ist, durch dämmernde Tageführt mich die Sehnsucht, die blasse Frau;und von der schönen Prinzessin die Sageweiß sie wie Mütterchen ganz genau …

VII

ICH wollt, sie hätten statt der Wiegemir einen kleinen Sarg gemacht,dann wär mir besser wohl, dann schwiegedie Lippe längst in feuchter Nacht.

Dann hätte nie ein wilder Willedie bange Brust durchzittert, – dannwärs in dem kleinen Körper stille,so still wie’s niemand denken kann.

Nur eine Kinderseele stiegezum Himmel hoch so sacht, – ganz sacht …Was haben sie mir statt der Wiegenicht einen kleinen Sarg gemacht? –

VIII

JENE Wolke will ich neiden,die dort oben schweben darf!Wie sie auf besonnte Heidenihre schwarzen Schatten warf.

Wie die Sonne zu verdüsternsie vermochte kühn genug,wenn die Erde lichteslüsterngrollte unter ihrem Flug.

All die goldnen Strahlenflutenjener Sonne wollt auch ichhemmen! Wenn auch für Minuten!Wolke! Ja, ich neide dich!

IX

MIR ist: Die Welt, die laute, kranke,hat jüngst zerstört ein jäh Zerstieben,und mir nur ist der Weltgedanke,der große, in der Brust geblieben.

Denn so ist sie, wie ich sie dachte;ein jeder Zwiespalt ist vertost:auf goldnen Sonnenflügeln sachteumschwebt mich grüner Waldestrost.

X

WENN das Volk, das drohnenträge,trabt den altvertrauten Trott,möcht ich weiße Wandelwegewallen durch das Duftgehegeernst und einsam wie ein Gott.

Wandeln nach den glanzdurchsprühtenFernen, lichten Lohns bewußt; –um die Stirne kühle Blütenund von kinderkeuschen Mythenvoll die sabbatstille Brust.

XI

WEISS ich denn wie mir geschieht?In den Lüften Düftequalmenund in bronzebraunen Halmenein verlornes Grillenlied.

Auch in meiner Seele klingttief ein Klang, ein traurig-lieber, –so hört wohl ein Kind im Fieber,wie die tote Mutter singt.

XII

SCHON blinzt aus argzerfetztem Lakender holde, keusche Götternackender früherwachenden Natur,und nur in tiefentlegnen Talenzeigt hinter violetten, kahlenGebüschen sich mit falschem Prahlendes Winters weiße Sohlenspur.

Hin geh ich zwischen Weidenbäumenan nassen Räderrinnensäumenden Fahrweg, und der Wind ist mild.Die Sonne prangt im Glast des Märzenund zündet an im dunkeln Herzender Sehnsucht weiße Opferkerzenvor meiner Hoffnung Gnadenbild.

XIII

FAHLGRAUER Himmel, von dem jede Farbebange verblich.Weit — ein einziger lohroter Strichwie eine brennende Geißelnarbe.

Irre Reflexe vergehn und erscheinen.Und in der Luftliegts wie ersterbender Rosenduftund wie verhaltenes Weinen …

XIV

DIE Nacht liegt duftschwer auf dem Parke,und ihre Sterne schauen still,wie schon des Mondes weiße Barkeim Lindenwipfel landen will.

Fern hör ich die Fontäne lallenein Märchen, das ich längst vergaß, –und dann ein leises Apfelfallenins hohe, regungslose Gras.

Der Nachtwind schwebt vom nahen Hügelund trägt durch alte Eichenreihnauf seinem blauen Falterflügelden schweren Duft vom jungen Wein.

XV

IM Schoß der silberhellen Schneenachtdort schlummert alles weit und breit,und nur ein ewig wildes Weh wachtin einer Seele Einsamkeit.

Du fragst, warum die Seele schwiege,warum sies in die Nacht hinausnicht gießt? – Sie weiß, wenns ihr entstiege,es löschte alle Sterne aus.

XVI

ABENDLÄUTEN. Aus den Bergen hallt eswieder neu zurück in immer matternTönen. Und ein Lüftchen fühlst du flatternvon dem grünen Talgrund her, ein kaltes.

In den weißen Wiesenquellen lallt eswie ein Stammeln kindischen Gebetes;durch den schwarzen Tannenhochwald geht eswie ein Dämmern, ein jahrhundertaltes.

Durch die Fuge eines Wolkenspalteswirft der Abend rote Blutkorallennach den Felsenwänden. – Und sie prallenlautlos von den Schultern des Basaltes.

XVII

WELTENWEITER Wandrerwalle fort in Ruh …also kennt kein andrerMenschenleid wie du.

Wenn mit lichtem Leuchtendu beginnst den Lauf,schlägt der Schmerz die feuchtenAugen zu dir auf.

Drinnen liegt – als riefensie dir zu: Versteh! –tief in ihren Tiefeneine Welt voll Weh …

Tausend Tränen redenewig ungestillt,und in einer jedenspiegelt sich dein Bild!

XVIII

MÖCHTE mir ein blondes Glück erkiesen;doch vom Sehnen bin ich müd und Suchen. –Weiße Wasser gehn in stillen Wiesen,und der Abend blutet in die Buchen.

Mädchen wandern heimwärts. Rot im MiederRosen; ferneher verklingt ihr Lachen …Und die ersten Sterne kommen wiederund die Träume, die so traurig machen.

XIX

VOR mir liegt ein Felsenmeer,Sträucher, halb im Schutt versunken,Todesschweigen. – Nebeltrunkenhangt der Himmel drüber her.

Nur ein matter Falter schwirrtrastlos durch das Land, das kranke …Einsam, wie ein Gottgedankedurch die Brust des Leugners irrt.

XX

DIE Fenster glühten an dem stillen Haus,der ganze Garten war voll Rosendüften.Hoch spannte über weißen Wolkenklüftender Abend in den unbewegten Lüftendie Schwingen aus.

Ein Glockenton ergoß sich auf die Au …Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken.Und heimlich über flüstervollen Birkensah ich die Nacht die ersten Sterne wirkenins blasse Blau.

XXI

ES gibt so wunderweiße Nächte,drin alle Dinge Silber sind.Da schimmert mancher Stern so lind,als ob er fromme Hirten brächtezu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Demantstaubebestreut, erscheinen Flur und Flut,und in die Herzen, traumgemut,steigt ein kapellenloser Glaube,der leise seine Wunder tut.

XXII

WIE eine Riesenwunderblume prangtvoll Duft die Welt, an deren Blütenspelze,ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelze,die Mainacht hangt.

Nichts regt sich; nur der Silberfühler blinkt …Dann trägt sein Flügel ihn, sein frühverblaßter,nach Morgen, wo aus feuerroter Asterer Sterben trinkt …

XXIII

WIE, jegliches Gefühl vertiefend,ein süßer Drang die Brust bewegt,wenn sich die Mainacht, sternetriefend,auf mäuschenstille Plätze legt –

Da schleichst du hin auf sachter Sohleund schwärmst zum blanken Blau hinauf,und groß wie eine Nachtviolegeht dir die dunkle Seele auf …

XXIV

O gäbs doch Sterne, die nicht bleichen,wenn schon der Tag den Ost besäumt;von solchen Sternen ohnegleichenhat meine Seele oft geträumt.

Von Sternen, die so milde blinken,daß dort das Auge landen mag,das müde ward vom Sonnetrinkenan einem goldnen Sommertag.

Und schlichen hoch ins Weltgetriebesich wirklich solche Sterne ein, –sie müßten der verborgnen Liebeund allen Dichtern heilig sein.

XXV

MIR ist so weh, so weh, als müßtedie ganze Welt in Grau vergehn,als ob mich die Geliebte küßteund spräch: Auf Nimmerwiedersehn.

Als ob ich tot wär und im Hirnemir dennoch wühlte wilde Qual,weil mir vom Hügel eine Dirnedie letzte, blasse Rose stahl …

XXVI

MATT durch der Tale Gequalme wanktAbend auf goldenen Schuhn, –Falter, der träumend am Halme hangt,weiß nichts vor Wonne zu tun.

Alles schlürft heil an der Stille sich. –Wie da die Seele sich schwellt,daß sie als schimmernde Hülle sichlegt um das Dunkel der Welt.

XXVII

EIN Erinnern, das ich heilig heiße,leuchtet mir durchs innerste Gemüt,so wie Götterbildermarmorweißedurch geweihter Haine Dämmer glüht.

Das Erinnern einstger Seligkeiten,das Erinnern an den toten Mai, –Weihrauch in den weißen Händen, schreitenmeine stillen Tage dran vorbei …

XXVIII

GLAUBT mir, daß ich, matt vom Kranken,keinen lauten Lenz mehr mag, –will nur einen sonnenblanken,wipfelroten Frühherbsttag.

Will die Lust, die jubelschrille,nicht mehr in die Brust zurück, –will nur Sterbestubenstilledrinnen – für mein totes Glück.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Traumgekrönt, S. 71–85, Weihnachten 1896
Digitalisat
de.wikisource.org — „Träumen“, Fassung 3.029.772 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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