Nächtliche Fahrt
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
26 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1918
SANKT PETERSBURG
Damals, als wir mit den glatten Trabern(schwarzen, aus dem Orloff’schen Gestüt) —,während hinter hohen KandelabernStadtnachtfronten lagen, angefrühtstumm und keiner Stunde mehr gemäß —,fuhren, nein: vergingen oder flogenund um lastende Paläste bogenin das Wehn der Newa-Quais,
hingerissen durch das wache Nachten,das nicht Himmel und nicht Erde hat, —als das Drängende von unbewachtenGärten gärend aus dem Ljetnij-Ssadaufstieg, während seine Steinfigurenschwindend mit ohnmächtigen Konturenhinter uns vergingen, wie wir fuhren —:
damals hörte diese Stadtauf zu sein. Auf einmal gab sie zu,daß sie niemals war, um nichts als Ruhflehend; wie ein Irrer, dem das Wirrnplötzlich sich entwirrt, das ihn verriet,und der einen jahrelangen krankengar nicht zu verwandelnden Gedanken,den er nie mehr denken muß: Granit —aus dem leeren schwankenden Gehirnfallen fühlt, bis man ihn nicht mehr sieht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 62–63, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Nächtliche Fahrt“, Fassung 2.344.710 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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