Mädchen-Klage
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
19 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Diese Neigung, in den Jahrenda wir alle Kinder warenviel allein zu sein, war mild;andern ging die Zeit im Streite,und man hatte seine Seite,seine Nähe, seine Weite,einen Weg, ein Tier, ein Bild.
Und ich dachte noch, das Lebenhörte niemals auf zu geben,daß man sich in sich besinnt.Bin ich in mir nicht im Größten?Will mich Meines nicht mehr tröstenund verstehen wie als Kind?
Plötzlich bin ich wie verstoßenund zu einem Übergroßenwird mir diese Einsamkeitwenn, auf meiner Brüste Hügelnstehend, mein Gefühl nach Flügelnoder einem Ende schreit.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, S. 2, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Mädchen-Klage“, Fassung 2.534.021 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.