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Versbuch

Legende

Rainer Maria Rilke · 18751926

61 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1906

Die Heiligen drei Könige

Legende

Einst als am Saum der Wüsten sichaufthat die Hand des Herrnwie eine Frucht, die sommerlichverkündet ihren Kern,da war ein Wunder: Fernerkannten und begrüßten sichdrei Könige und ein Stern.

Drei Könige von Unterwegsund der Stern Ueberall,die zogen alle (überlegs!)so rechts ein Rex und links ein Rexzu einem stillen Stall.

Was brachten die nicht alles mitzum Stall von Betlehem!Weithin erklirrte jeder Schritt,und Der auf einem Rappen ritt,saß sammten und bequem.Und Der zu seiner Rechten ging,der war ein goldner Mann,und Der zu seiner Linken fingmit Schwung und Schwingund Klang und Klingaus einem runden Silberding,das wiegend und in Ringen hing,ganz blau zu rauchen an.Da lachte der Stern Ueberallso seltsam über sie,und lief voraus und stand am Stallund sagte zu Marie:Da bring ich eine Wanderschaftaus vieler Fremde her.Drei Könige mit Magenkraft,von Gold und Topas schwerund dunkel, tumb und heidenhaft, –erschrick mir nicht zu sehr.Sie haben alle drei zu Hauszwölf Töchter, keinen Sohn,so bitten sie sich Deinen ausals Sonne ihres Himmelblausund Trost für ihren Thron.Doch mußt Du nicht gleich glauben: Bloßein Funkelfürst und Heidenscheichsei Deines Sohnes Los.Bedenk, der Weg ist groß.Sie wandern lange, Hirten gleich,inzwischen fällt ihr reifes Reichweiß Gott wem in den Schoß.Und während hier, wie Westwind warm,der Ochs ihr Ohr umschnaubt,sind sie vielleicht schon alle armund so wie ohne Haupt.Drum mach mit Deinem Lächeln lichtdie Wirrnis, die sie sind,und wende Du Dein Angesichtnach Aufgang und Dein Kind;dort liegt in blauen Linienwas jeder Dir verließ:Smaragda und Rubinienund die Tale von Türkis.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Das Buch der Bilder 2. Buch Teil 1, S. 69–72, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
Digitalisat
de.wikisource.org — „Legende (Rilke)“, Fassung 2.353.009 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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