Legende von den drei Lebendigen und den drei Toten
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
19 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1918
Drei Herren hatten mit Falken gebeiztund freuten sich auf das Gelag.Da nahm sie der Greis in Beschlagund führte. Die Reiter hielten gespreiztvor dem dreifachen Sarkophag,
der ihnen dreifach entgegenstank,in den Mund, in die Nase, ins Sehn;und sie wußten es gleich: da lagen langdrei Tote mitten im Untergangund ließen sich gräßlich gehn.
Und sie hatten nur noch ihr Jagergehörreinlich hinter dem Sturmbandlör;doch da zischte der Alte sein:— Sie gingen nicht durch das Nadelöhrund gehen niemals — hinein.
Nun blieb ihnen noch ihr klares Getast,das stark war vom Jagen und heiß;doch das hatte ein Frost von hinten gefaßtund trieb ihm Eis in den Schweiß.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 23, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Legende von den drei Lebendigen und den drei Toten“, Fassung 2.817.043 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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