Leichenwäsche
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
22 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1918
Sie hatten sich an ihn gewöhnt. Doch alsdie Küchenlampe kam und unruhig brannteim dunkeln Luftzug, war der Unbekannteganz unbekannt. Sie wuschen seinen Hals,
und da sie nichts von seinem Schicksal wußten,so logen sie ein anderes zusamm,fortwährend waschend. Eine mußte hustenund ließ solang den schweren Essigschwamm
auf dem Gesicht. Da gab es eine Pauseauch für die zweite. Aus der harten Bürsteklopften die Tropfen; während seine grausegekrampfte Hand dem ganzen Hausebeweisen wollte, daß ihn nicht mehr dürste.
Und er bewies. Sie nahmen wie betreteneiliger jetzt mit einem kurzen Husterdie Arbeit auf, so daß an den Tapetenihr krummer Schatten in dem stummen Muster
sich wand und wälzte wie in einem Netze,bis daß die Waschenden zu Ende kamen.Die Nacht im vorhanglosen Fensterrahmenzwar rücksichtslos. Und einer ohne Namenlag bar und reinlich da und gab Gesetze.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 45, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Leichenwäsche“, Fassung 1.726.027 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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