Kreuzigung
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
21 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1918
Längst geübt, zum kahlen Galgenplatzeirgendein Gesindel hinzudrängen,ließen sich die schweren Knechte hängen,dann und wann nur eine große Fratze
kehrend nach den abgetanen Drein.Aber oben war das schlechte Henkernrasch getan; und nach dem Fertigseinließen sich die freien Männer schlenkern.
Bis der eine (fleckig wie ein Selcher)sagte: Hauptmann, dieser hat geschrien.Und der Hauptmann sah vom Pferde: Welcher?und es war ihm selbst, er hätte ihn
den Elia rufen hören. Allewaren zuzuschauen voller Lust,und sie hielten, daß er nicht verfalle,gierig ihm die ganze Essiggallean sein schwindendes Gehust.
Denn sie hofften noch ein ganzes Spielund vielleicht den kommenden Elia.Aber hinten ferne schrie Maria,und er selber brüllte und verfiel.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 35, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Kreuzigung“, Fassung 2.354.646 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.