In der Certosa
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
49 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1906
Ein jeder aus der weißen Bruderschaftvertraut sich pflanzend seinem kleinen Garten.Auf jedem Beete steht wer jeder sei.Und einer harrt in heimlichen Hoffahrten,daß ihm im Maidie ungestümen Blüten offenbartenein Bild von seiner unterdrückten Kraft.
Und seine Hände halten, wie erschlafft,sein braunes Haupt, das schwer ist von den Säften,die ungeduldig durch das Dunkel rollen,und sein Gewand, das faltig, voll und wollen,zu seinen Füßen fließt, ist stramm gestrafftum seinen Armen, die, gleich starken Schäften,die Hände tragen, welche träumen sollen.
Kein Miserere und kein Kyriewill seine junge runde Stimme ziehn,vor keinem Fluche will sie fliehn;sie ist kein Reh.Sie ist ein Roß und bäumt sich im Gebiß,und über Hürde, Hang und Hinderniswill sie ihn tragen weit und weggewiß,ganz ohne Sattel will sie tragen ihn.Er aber sitzt, und unter den Gedankenzerbrechen fast die breiten Handgelenke,so schwer wird ihm der Sinn und immer schwerer.Der Abend kommt, der sanfte Wiederkehrer,ein Wind beginnt, die Wege werden leerer,und Schatten sammeln sich im Thalgesenke.
Und wie ein Kahn, der an der Kette schwankt,so wird der Garten ungewiß und hangtwie windgewiegt auf lauter Dämmerung.Wer löst ihn los? …
Der Frate ist so jung,und langelang ist seine Mutter tot.Er weiß von ihr: sie nannten sie La Stanca;sie war ein Glas, ganz zart und klar. Man botes einem, der es nach dem Trunk zerschlugwie einen Krug.
So ist der Vater.Und er hat sein Brotals Meister in den roten Marmorbrüchen.Und jede Wöchnerin in Pietrabiancahat Furcht, daß er des Nachts mit seinen Flüchenvorbei an ihrem Fenster kommt und droht.
Sein Sohn, den er der Donna Dolorosageweiht in einer Stunde wilder Noth,sinnt im Arkadenhofe der Certosa,sinnt, wie umrauscht von röthlichen Gerüchen:denn seine Blumen blühen alle roth.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Buch der Bilder 2. Buch Teil 1, S. 73–76, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „In der Certosa“, Fassung 2.354.453 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.