Irre im Garten
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
21 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1918
DIJON
Noch schließt die aufgegebene Karthausesich um den Hof, als würde etwas heil.Auch die sie jetzt bewohnen, haben Pauseund nehmen nicht am Leben draußen teil.
Was irgend kommen konnte, das verlief.Nun gehn sie gerne mit bekannten Wegenund trennen sich und kommen sich entgegen,als ob sie kreisten, willig, primitiv.
Zwar manche pflegen dort die Frühlingsbeete,demütig, dürftig, hingekniet;aber sie haben, wenn es keiner sieht,eine verheimlichte, verdrehte
Gebärde für das zarte frühe Gras,ein prüfendes, verschüchtertes Liebkosen:denn das ist freundlich, und das Rot der Rosenwird vielleicht drohend sein und Übermaß
und wird vielleicht schon wieder übersteigen,was ihre Seele wiederkennt und weiß.Dies aber läßt sich noch verschweigen:Wie gut das Gras ist und wie leis.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 40, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Irre im Garten“, Fassung 2.354.455 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.