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Versbuch

Der Abenteuerer

Rainer Maria Rilke · 18751926

51 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1918

IWenn er unter jene, welche waren,trat: der Plötzliche, der schien,war ein Glanz wie von Gefahrenin dem ausgesparten Raum um ihn,

den er lächelnd überschritt, um einerHerzogin den Fächer aufzuheben:diesen warmen Fächer, den er ebenwollte fallen sehen. Und wenn keiner

mit ihm eintrat in die Fensternische(wo die Parke gleich ins Träumerischestiegen, wenn er nur nach ihnen wies),ging er lässig an die Kartentischeund gewann. Und unterließ

nicht, die Blicke alle zu behalten,die ihn zweifelnd oder zärtlich trafen,und auch die in Spiegel fielen, galten.Er beschloß, auch heute nicht zu schlafen,

wie die letzte lange Nacht, und bogeinen Blick mit seinem rücksichtslosen,welcher war: als hätte er von RosenKinder, die man irgendwo erzog.

IIIn den Tagen — (nein, es waren keine),da die Flut sein unterstes Verliesihm bestritt, als wär es nicht das seine,und ihn, steigend, an die Steineder daran gewöhnten Wölbung stieß,

fiel ihm plötzlich einer von den Namenwieder ein, die er vor Zeiten trug.Und er wußte wieder: Leben kamen,wenn er lockte; wie im Flug

kamen sie: noch warme Leben Toter,die er, ungeduldiger, bedrohter,weiterlebte mitten drin;oder die nicht ausgelebten Leben,und er wußte sie hinaufzuheben,und sie hatten wieder Sinn.

Oft war keine Stelle an ihm sicher,und er zitterte: Ich bin — — —doch im nächsten Augenblicke glich erdem Geliebten einer Königin.

Immer wieder war ein Sein zu haben:die Geschicke angefangner Knaben,die, als hätte man sie nicht gewagt,abgebrochen waren, abgesagt,nahm er auf und riß sie in sich hin;denn er mußte einmal nur die Gruftsolcher Aufgegebener durchschreiten,und die Düfte ihrer Möglichkeitenlagen wieder in der Luft.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 78–80, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Abenteuerer“, Fassung 2.573.863 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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