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Versbuch

Das Portal

Rainer Maria Rilke · 18751926

45 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1907

I

Da blieben sie, als wäre jene Flutzurückgetreten, deren großes Brandenan diesen Steinen wusch bis sie entstanden;sie nahm im Fallen manches Attribut

aus ihren Händen, welche viel zu gutund gebend sind um etwas festzuhalten.Sie blieben, von den Formen in Basaltendurch einen Nimbus, einen Bischofshut,

bisweilen durch ein Lächeln unterschieden,für das ein Antlitz seiner Stunden Friedenbewahrt hat als ein stilles Zifferblatt;

jetzt fortgerückt ins Leere ihres Tores,waren sie einst die Muschel eines Ohresund fingen jedes Stöhnen dieser Stadt.

II

Sehr viele Weite ist gemeint damit:so wie mit den Kulissen einer Szenedie Welt gemeint ist; und so wie durch jeneder Held im Mantel seiner Handlung tritt: —so tritt das Dunkel dieses Tores handelndauf seiner Tiefe tragisches Theater,so grenzenlos und wallend wie Gott-Vaterund so wie Er sich wunderlich verwandelnd

in einen Sohn, der aufgeteilt ist hierauf viele kleine beinah stumme Rollengenommen aus des Elends Zubehör.

Denn nur noch so entsteht (das wissen wir)aus Blinden, Fortgeworfenen und Tollender Heiland wie ein einziger Akteur.

III

So ragen sie, die Herzen angehalten,(sie stehn auf Ewigkeit und gingen nie);nur selten tritt aus dem Gefäll der Falteneine Gebärde, aufrecht, steil wie sie

und bleibt nach einem halben Schritte stehnwo die Jahrhunderte sie überholen.Sie sind im Gleichgewicht auf den Konsolenin denen eine Welt, die sie nicht sehn,

die Welt der Wirrnis, die sie nicht zertraten,Figur und Tier, wie um sie zu gefährdensich krümmt und schüttelt und sie dennoch hält:weil die Gestalten dort wie Akrobatensich nur so zuckend und so wild gebärden,damit der Stab auf ihrer Stirn nicht fällt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Neue Gedichte, S. 28–30, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Portal“, Fassung 2.571.268 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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