Auf dem Wolschan
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
21 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1955
Am Abend des Tages von Allerseelen
I
Die dürren Äste übergitterndes Himmels abendblasse Scheiben;und über Grüfte, reich mit Flitterngeschmückt, geht Wehmut, und es zitterndie Lichter durch das Blättertreiben.
Im müden Blau, im regungslosen,schwimmt fern der Mond. Die Lebensbäume,die seine blanke Stirne kosen,sind schwarz. Der Duft von welken Rosenschleicht her wie Geister toter Träume.
II
Ferner Lärm vom Wagendamm. –Hier keimt Friede und Vergessen,zwischen zweien Grabzypressenhangt der Mond wie ein Tam-Tam.
Schlägt die Ewigkeit nicht sachtjetzt daran mit schwarzem Schwengel?Bange schaut ein Marmorengelin das Aug der Spätherbstnacht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Larenopfer. In: Sämtliche Werke, Band I, S. 26-27., Insel-Verlag, Frankfurt am Main, 1955
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Auf dem Wolschan“, Fassung 3.779.976 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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