Madonna
Paul Haller · 1882–1920
18 Zeilen · zuerst gedruckt 1922
Eine Mutter wandelt mit Glanz im Gesicht,Trägt froh ihren Säugling, ein lebend Gedicht;So stolz und voll Demut, so liebreich entzückt,Das Kind im wohligsten Schlaf entrückt.Still wandelt sie hin durch den Menschentrott,So weiß und so selig wie Engel vor Gott.Und die Menschen trotten und traben vorbei,Ahnt keiner, daß Gott auf der Erde sei.Ein Einziger schaut, in die Ecke geschmiegt,Das Kind und die Mutter, wie wonnig sie’s wiegt.Ihm packt das Herz eine himmlische HandUnd zieht ihn hinüber zum StraßenrandUnd drückt ihn dort, wo die Mutter ging,In den Staub, der der Schwebenden Tritt empfing.Roh lacht das Gedräng: der Kerl ist verrückt!Er kniet noch und fern nach der Mutter blickt.Und tagelang trägt er die SeligkeitUnd ein tiefes unfaßbares Sehnsuchtsleid.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 45, H. R. Sauerländer & Co., Aarau, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Madonna“, Fassung 876.802 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Paul Haller starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 119041952 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.