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Versbuch

Bange Stunde

Karl Kraus · 18741936

88 Zeilen · zuerst gedruckt 1920

Gebannt steh’ ich auf diesem Fleckund kann nicht zurück und kann nicht wegund suche mit dreimal flehenden Händen,ein sicheres Schicksal abzuwenden.Alles um mich in den bangen Stundenhat Macht über mich, der gebannt und gebunden.Gelingt’s mir, nur dies und nicht das zu denken,so wird mich mein Wille zum Ausgang lenken,und ich weiß mir, der Sklave dem Herren, Dank,entrinn’ ich nur diesmal noch meinem Zwang.Dort wäre der Weg: wo der Zweifel steht,ob rechts oder links es sich besser geht.Ich könnte fliegen, ich möchte eilen,und geschwind noch beschwör’ ich die Zeit, zu verweilen.Ich schlage mich durch, ich krieche und hinke,wie fass’ ich die Klinke? Wie faßt mich die Klinke!Schnell könnten drei Wünsche mir noch verderben:Herrgott, so laß meine Freunde nicht sterben —was hältst du mich, scheinbare Vorhangfalte,was will mir das Fiebergesicht, das alte —Gott, rette mir jenen, behüte mir diesen,bewahr ihm das Auge für Wunder und Wiesen —wie kränkt’ ich mich damals, ich wollte nicht warten,denn ich war krank und die andern im Garten,eine Spieldose hat die Gavotte gespielt,ein Gesicht im Vorhang hat nach mir gezielt —Gott, hilf ihnen, die die Zeit mir verwehte,und die längst nicht glauben, daß ich für sie bete,und jenen, die du zu dir schon entboten,vergiß nicht die Toten, vergiß nicht die Toten!der Einen aber hier auf dem Bilde,es lächelt zu meinem Aufruhr so milde,und dieser aber, o daß ich’s nicht dächte,wenn nicht das Denken Erfüllung mir brächte,ihr mögest du Leben und Leben und Lebenin vielfach lebendiger Fülle gebenund wirken, daß ihr in unendlichen Lenzenwie Sonne und Mond die Züge erglänzen,und für mich selbst, o hör den unendlichen Jammer,bitt’ ich, daß ich in dieser Kammer,geschmiedet an aller Erden Qualmich zu Formen erlöse ohne Zahl,und aus dem vorbestimmten Kreisemir erbarmungslos und ausnahmsweisegestattet wäre zu entrinnen,um immer von neuem zu beginnen,denn es lähmt mir das Herz, daß einst hinter mirsich schließe die vorbereitete Tür,und an dem Gedanken, mich nicht zu beerben,würd’ ich ganz sicher noch einmal sterben!Laß es nicht zu und lasse mich bleiben,und bin ich erst fertig, beginn’ ich zu schreiben,denn dem das Wort den Ursinn gelichtet,sieh, der hat nie zu Ende gedichtet,und war ich stets des Anfangs gewärtig,war Leben im Wort: so werd’ ich nicht fertig!H i e r ist mir ein heiliges Räthsel gewesen,ich habe in Hieroglyphen gelesen.Nie lass’ ich das dreimal lebendige Wort,verstummend in dein undenkliches Dort,nie lass’ ich den Streit und den Zweifel hierniedenfür jenen unwiderleglichen Frieden.Nie mögst du von diesem Sessel mich heben.Lieber den Tod als nicht mehr zu leben!Nicht feige fleh’ ich um meine Errettung;doch hängen in blutig gespürter Verkettungan meiner Gestalt die vielen Gestalten,die du zu bewahren mir vorbehalten,und in dem schmerzbeseligten Bundunzählige Stimmen an meinem Mund.Sie nachzuschaffen hast du mich gelehrt,die von dir sich zum eigenen Abbild verkehrt;und gleich’ ich nicht jenen, die du erschaffen,so kannst du mich nicht zu dir entraffen.Drum laß aus dem marschbereiten Haufenzurück mich in deine Ewigkeit laufen,und gib mich mir wieder Stück um Stück!Mit Macht reiß’ ich sonst mein Gedächtnis zurück,um nimmer zu denken, was noch nicht geschah —ich will ja nicht weg, ich bleibe doch da!Was ist das nur heut, was ist das nur hier,wie dreht sich und droht mir, wie knarrt mir die Tür,wie rennt mir die Stunde in rasendem Lauf,wie halten mich alle die Dinge hier auf,und Falten und Kanten, sie starren mich an,des Zufalls unseligsten Untertan!Gebannt und gebunden steh’ ich auf dem Fleck,und kann nicht zurück, und will nicht weg —-.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Ausgewählte Gedichte, S. 77-80, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
Digitalisat
de.wikisource.org — „Bange Stunde (Kraus)“, Fassung 1.096.707 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.