An eine Sängerin
Paul Haller · 1882–1920
19 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1922
Steh! Weile! Blick in meine Seele herüber!Frage mich, frage: Was ist dein Gesang?Ich will’s dir sagen, du Fernhergekommne,Die vor sich selbst, wie ein Kind vor der Blume,Zitternd steht und des Rätsels nicht klug wird.
Dein Gesang ist der Stern, den die Forscher nicht fanden,Weil er aufstrahlt zwischen den Grenzen der TageUnd zwischen den Räumen, die Nachbar sich grüßen.Dort glänzt er den Blinden, ein Wundergestirn.
Wem Gott gab, ohne Augen zu sehen,Hebt, erst geblendet, sein Haupt schon kühner,Staunt froh erwacht in funkelnde Helle,Fühlt heißerschrocken, zum HimmelsscheitelEmporgerissen, sich selbst schon brennenVon reinen Gluten. Herüber, hinüberIn klingendem Wettwurf ein Lanzengeflimmer,Tausch goldener Strahlen. Er selbst ward zum Stern.Verwesliche Tiefe ruht dunkel. Dort obenGlüht, trunken am ewigen Quell, die Gemeinschaft.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 88, H. R. Sauerländer & Co., Aarau, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An eine Sängerin (Haller)“, Fassung 2.197.806 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Paul Haller starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 119041952 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.