An die blasse Sonne I
Paul Haller · 1882–1920
16 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1922
Heut ist in meine Stube die Sonne gekommen.
Ihre Augen standen wie der blaue Himmel,Wenn die zarten Frühnebel darauf verdampfen,Und’s noch zuckt und rätselt hinter dem Schleier.
Nun lagen sie wie die flachen Teiche,Vom weinenden Himmel auf’s Grüne geworfen;Der Schilf ihrer Wimpern schattete drüber.
Und strahlten auf wie die Blumen am Berge,Die des Morgens tauperlig necken und lachen,Des Mittags verbrennen in heißem Erröten,Des Abends stumm nach Gewittern starren.
Ihre Wangen hingen an Schläfen von Marmor.
Ihre Füße zögerten, als sie davonging.
Und ihr Mund, der schmale, mit geschliffenem MesserAus Elfenbein lächelnd vom Künstler geschnitzte,Sprach noch fern aus dem Dunkel sein liebes: Gut Nacht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 77, H. R. Sauerländer & Co., Aarau, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An die blasse Sonne I“, Fassung 876.783 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Paul Haller starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 119041952 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.