Das Fräulein von Rodenschild
Annette von Droste-Hülshoff · 1797–1848
105 Zeilen in 15 Strophen · zuerst gedruckt 1879
Sind denn so schwül die Nächt’ im April?Oder ist so siedend jungfräulich’ Blut?Sie schließt die Wimper, sie liegt so stillUnd horcht des Herzens pochender Flut.„O will es denn nimmer und nimmer tagen!O will denn nicht endlich die Stunde schlagen!Ich wache, und selbst der Seiger ruht!
Doch horch! es summt, eins, zwei und drei –Noch immer fort? – sechs, sieben und acht,Elf, zwölf – o Himmel, war das ein Schrei?Doch nein, Gesang steigt über der Wacht,Nun wird mir’s klar, mit frommem MundeBegrüßt das Hausgesinde die Stunde,Anbrach die hochheilige Osternacht.“
Seitab das Fräulein die Kissen stößtUnd wie eine Hinde vom Lager setzt,Sie hat des Mieders Schleifen gelöst,Ins Häubchen drängt sie die Locken jetzt,Dann leise das Fenster öffnend, leise,Horcht sie der mählich schwellenden Weise,Vom wimmernden Schrei der Eule durchsetzt.
O dunkel die Nacht! und schaurig der Wind!Die Fahnen wirbeln am knarrenden Thor –Da tritt aus der Halle das Hausgesind’Mit Blendlaternen und einzeln vor.Der Pförtner dehnet sich, halb schon träumend,Am Dochte zupfet der Jäger säumend,Und wie ein Oger gähnet der Mohr.
Was ist? – wie das auseinander schnellt!In Reihen ordnen die Männer sich,Und eine Wacht vor die Dirnen stelltDie graue Zofe sich ehrbarlich,„Ward ich gesehn an des Vorhangs Lücke?Doch nein, zum Balkone starren die Blicke,Nun langsam wenden die Häupter sich.
O weh meine Augen! bin ich verrückt?Was gleitet entlang das Treppengeländ’?Hab’ ich nicht so aus dem Spiegel geblickt?Das sind meine Glieder – welch ein Geblend’!Nun hebt es die Hände, wie Zwirnes Flocken,Das ist mein Strich über Stirn und Locken! –Weh, bin ich toll, oder nahet mein End’!“
Das Fräulein erbleicht und wieder erglüht,Das Fräulein wendet die Blicke nicht,Und leise rührend die Stufen ziehtAm Steingelände das Nebelgesicht,In seiner Rechten trägt es die Lampe,Ihr Flämmchen zittert über der Rampe,Verdämmernd, blau, wie ein Elfenlicht.
Nun schwebt es unter dem Sternendom,Nachtwandlern gleich in Traumes Geleit,Nun durch die Reihen zieht das Phantom,Und Jeder tritt einen Schritt zur Seit’. –Nun lautlos gleitet’s über die Schwelle –Nun wieder drinnen erscheint die Helle,Hinauf sich windend die Stiegen breit.
Das Fräulein hört das Gemurmel nicht,Sieht nicht die Blicke, stier und verscheucht,Fest folgt ihr Auge dem bläulichen Licht,Wie dunstig über die Scheiben es streicht.– Nun ist’s im Saale, nun im Archive –Nun steht es still an der Nische Tiefe –Nun matter, matter – ha! es erbleicht!
„Du sollst mir stehen! ich will dich fahn!“Und wie ein Aal die beherzte MaidDurch Nacht und Krümmen schlüpft ihre Bahn,Hier droht ein Stoß, dort häkelt das Kleid,Leis tritt sie, leise, o GeistersinneSind scharf! daß nicht das Gesicht entrinne!Ja, muthig ist sie, bei meinem Eid!
Ein dunkler Rahmen, Archives Thor;– Ha, Schloß und Riegel! – sie steht gebannt,Sacht, sacht das Auge und dann das OhrDrückt zögernd sie an der Spalte Rand,Tiefdunkel drinnen – doch einem RauschenDer Pergamente glaubt sie zu lauschenUnd einem Streichen entlang der Wand.
So niederkämpfend des Herzens Schlag,Hält sie den Odem, sie lauscht, sie neigt –Was dämmert ihr zur Seite gemach?Ein Glühwurmleuchten – es schwillt, es steigt,Und Arm an Arme, auf Schrittes Weite,Lehnt das Gespenst an der Pforte Breite,Gleich ihr zur Nachbarspalte gebeugt.
Sie fährt zurück – das Gebilde auch –Dann tritt sie näher – so die Gestalt –Nun stehen die Beiden, Auge in Aug’,Und bohren sich an mit Vampyres Gewalt.Das gleiche Häubchen decket die Locken,Das gleiche Linnen, wie Schneees Flocken,Gleich ordnungslos um die Glieder wallt.
Langsam das Fräulein die Rechte streckt,Und langsam, wie aus der Spiegelwand,Sich Linie um Linie entgegen recktMit gleichem Rubine die gleiche Hand;Nun rührt sich’s – die Lebendige spüret,Als ob ein Luftzug schneidend sie rühret,Der Schemen dämmert – zerrinnt – entschwand.
Und wo im Saale der Reihen fliegt,Da siehst ein Mädchen du, schön und wild,– Vor Jahren hat’s eine Weile gesiecht –Das stets in den Handschuh die Rechte hüllt.Man sagt, kalt sei sie wie Eises Flimmer,Doch lustig die Maid, sie hieß ja immer:„Das tolle Fräulein von Rodenschild.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gesammelte Schriften von Annette Freiin von Droste-Hülshoff. Band 1: Lyrische Gedichte. S. 298–302, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart, 1879
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Fräulein von Rodenschild“, Fassung 4.356.480 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Annette von Droste-Hülshoff starb 1848; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1918 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118527533 der Deutschen Nationalbibliothek.
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