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Versbuch

Der Pilger

Ludwig Uhland · 17871862

36 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1854

Es wallt ein Pilger hohen Dranges,Er wallt zur sel’gen Gottesstadt,Zur Stadt des himmlischen Gesanges,Die ihm der Geist verheißen hat.

„Du klarer Strom! in deinem SpiegelWirst du die heil’ge bald umfahn.Ihr sonnehellen Felsenhügel!Ihr schaut sie schon von Weitem an.

Wie ferne Glocken hör’ ich’s klingen,Das Abendroth durchglüht den Hain.O hätt’ ich Flügel, mich zu schwingenWeit über Thal und Felsenreihn!“

Er ist von hoher Wonne trunken,Er ist von süßen Schmerzen matt,Und in die Blumen hingesunken,Gedenkt er seiner Gottesstadt.

„Sie sind zu groß noch, diese Räume,Für meiner Sehnsucht Flammenqual;Empfahet ihr mich, milde Träume,Und zeigt mir das ersehnte Thal!“

Da ist der Himmel aufgeschlagen,Sein lichter Engel schaut herab:„Wie sollt’ ich dir die Kraft versagen,Dem ich das hohe Sehnen gab!

Die Sehnsucht und der Träume Weben,Sie sind der weichen Seele süß,Doch edler ist ein starkes StrebenUnd macht den schönen Traum gewiß.“

Er schwindet in die Morgendüfte;Der Pilger springt gestärkt empor,Er strebet über Berg’ und Klüfte,Er stehet schon am goldnen Thor.

Und sieh! gleich Mutterarmen schließetDie Stadt der Pforte Flügel auf;Ihr himmlischer Gesang begrüßetDen Sohn nach tapfrem Pilgerlauf.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. Wohlfeile Ausgabe. S. 208-209, 3. Auflage, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1854
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Pilger (Uhland)“, Fassung 3.440.053 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Ludwig Uhland starb 1862; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1932 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118625063 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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