Das Glück von Edenhall
Ludwig Uhland · 1787–1862
55 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1854
Von Edenhall der junge LordLäßt schmettern Festtrommetenschall,Er hebt sich an des Tisches BordUnd ruft in trunkner Gäste Schwall:„Nun her mit dem Glücke von Edenhall!“
Der Schenk vernimmt ungern den Spruch,Des Hauses ältester Vasall,Nimmt zögernd aus dem seidnen TuchDas hohe Trinkglas von Krystall,Sie nennen’s: das Glück von Edenhall.
Darauf der Lord: „Dem Glas zum PreisSchenk’ rothen ein aus Portugall!“Mit Händezittern gießt der Greis,Und purpurn Licht wird überall,Es strahlt aus dem Glücke von Edenhall.
Da spricht der Lord und schwingt’s dabei:„Dies Glas von leuchtendem KrystallGab meinem Ahn am Quell die Fei,Drein schrieb sie: kommt dies Glas zu Fall,Fahr wohl dann, o Glück von Edenhall!
Ein Kelchglas ward zum Loos mit FugDem freud’gen Stamm von Edenhall;Wir schlürfen gern in vollem Zug,Wir läuten gern mit lautem Schall;Stoßt an mit dem Glücke von Edenhall!“
Erst klingt es milde, tief und voll,Gleich dem Gesang der Nachtigall,Dann wie des Waldstroms laut Geroll,Zuletzt erdröhnt wie DonnerhallDas herrliche Glück von Edenhall.
„Zum Horte nimmt ein kühn GeschlechtSich den zerbrechlichen Krystall;Er dauert länger schon, als recht,Stoßt an! mit diesem kräft’gen PrallVersuch’ ich das Glück von Edenhall.“
Und als das Trinkglas gellend springt,Springt das Gewölb mit jähem KnallUnd aus dem Riß die Flamme dringt;Die Gäste sind zerstoben allMit dem brechenden Glücke von Edenhall.
Ein stürmt der Feind, mit Brand und Mord,Der in der Nacht erstieg den Wall,Vom Schwerte fällt der junge Lord,Hält in der Hand noch den Krystall,Das zersprungene Glück von Edenhall.
Am Morgen irrt der Schenk allein,Der Greis, in der zerstörten Hall’,Er sucht des Herrn verbrannt Gebein,Er sucht im grausen TrümmerfallDie Scherben des Glücks von Edenhall.
„Die Steinwand – spricht er – springt zu Stück,Die hohe Säule muß zu Fall,Glas ist der Erde Stolz und Glück,In Splitter fällt der ErdenballEinst gleich dem Glücke von Edenhall.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. Wohlfeile Ausgabe. S. 352–354, 3. Auflage, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1854
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Glück von Edenhall (Uhland)“, Fassung 2.561.742 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Ludwig Uhland starb 1862; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1932 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118625063 der Deutschen Nationalbibliothek.
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