Zum Inhalt springen
Versbuch

Die Kreuzschau

Adelbert von Chamisso · 17811838

55 Zeilen · zuerst gedruckt vor 1909

Der Pilger, der die Höhen überstiegen,Sah jenseits schon das ausgespannte TalIn Abendglut vor seinen Füßen liegen.Auf duftges Gras, im milden SonnenstrahlStreckt er ermattet sich zur Ruhe nieder,Indem er seinem Schöpfer sich befahl.Ihm fielen zu die matten Augenlider,Doch seinen wachen Geist enthob ein TraumDer ird’schen Hülle seiner trägen Glieder.Der Schild der Sonne ward im HimmelsraumZu Gottes Angesicht, das FirmamentZu seinem Kleid, das Land zu dessen Saum.„Du wirst dem, dessen Herz dich Vater nennt,Nicht, Herr, im Zorn entziehen deinen Frieden.Wenn seine Schwächen er vor dir bekennt.Daß, wen ein Weib gebar, sein Kreuz hieniedenAuch duldend tragen muß, ich weiß es lange,Doch sind der Menschen Last und Leid verschieden.Mein Kreuz ist allzu schwer; sieh’, ich verlangeDie Last nur angemessen meiner Kraft;Ich unterliege, Herr, zu hartem Zwange.“Wie er so sprach zum Höchsten kinderhaft,Kam brausend her der Sturm, und es geschah,Daß aufwärts er sich fühlte hingerafft.Und wie er Boden faßte, fand er daSich einsam in der Mitte räum’ger Hallen,Wo ringsum sonder Zahl er Kreuze sah.Und eine Stimme hört’ er dröhnend hallen:Hier aufgespeichert ist das Leid; du hastZu wählen unter diesen Kreuzen allen.Versuchend ging er da, unschlüssig fast,Von einem Kreuz zum anderen umher,Sich auszuprüfen die bequemre Last.Dies Kreuz war ihm zu groß und das zu schwer,So schwer und groß war jenes andere nicht,Doch scharf von Kanten, drückt’ es desto mehr,Das dort, das warf wie Gold ein gleißend Licht,Das lockt’ ihn, unversucht es nicht zu lassen;Dem goldnen Glanz entsprach auch das Gewicht.Er mochte dieses heben, jenes fassen,Zu keinem neigte noch sich seine Wahl,Es wollte keines, keines für ihn passen.Durchmustert hatt’ er schon die ganze Zahl –Verlorene Müh! Vergebens war’s geschehen!Durchmustern mußt’ er sie zum andernmal.Und nun gewahrt’ er, früher übersehen,Ein Kreuz, das leidlicher ihm schien zu sein,Und bei dem einen blieb er endlich stehen.Ein schlichtes Marterholz, nicht leicht, alleinIhm paßlich und gerecht nach Kraft und Maß:Herr, rief er, so du willst, dies Kreuz sei mein!Und wie er’s prüfend mit den Augen maß –Es war dasselbe, das er sonst getragen,Wogegen er zu murren sich vermaß.Er lud es auf und trug’s nun sonder Klagen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Adelbert von Chamissos gesammelte Werke. Neue illustrierte Ausgabe, S. 120, 28. Auflage, W. Herlet, Berlin, vor 1909
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Kreuzschau“, Fassung 3.528.558 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Adelbert von Chamisso starb 1838; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1908 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118520040 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Adelbert von Chamisso

Alle Gedichte von Adelbert von Chamisso ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Romantik

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.