Johannisnacht im Münster
Louise Otto-Peters · 1819–1895
89 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Johannisnacht im Münster zu Straßburg.
Johannisnacht! Johannisnacht,Du senkst Dich mild hernieder,An Stunden arm, doch reich an MachtVoll Nachtigallenlieder.Voll Sternenschein und Zauberglanz,Ja selbst die Käfer funkeln,Des Abendrotes RosenkranzUmblüt Dich noch im Dunkeln.
Und hallt es Mitternacht vom TurmAuf Straßburgs Kathedrale –Ein Glockenklang als läut’ es Sturm –Beginnt mit einem male,Rings in des Münsters weitem SchoßEin seltsam buntes Leben,Bald sanftes Säuseln, bald Getos,Ein Schwirren und ein Schweben.
Die Toten steigen aus der Gruft,Die einst den Münster bauten,Der Meister sie zur Stelle ruft,Daß sie das Werk beschauten;Das Werk, das noch den Meister lobtDurch langer Zeiten Stürme,Daß Kunst und Dauer wohl erprobtDie Wölbung, wie die Türme.
Sarg und Gewölbe, Schloß und Thür’s ist alles aufgesprungen!Die Werkleut’ haben sich herfürAus ihrem Grab geschwungen.Mit Zirkel und mit Meisterstab,Das Richtscheit in den Händen,So schweben sie hinauf, hinab –Lang’ will der Zug nicht enden.
Mit Händedruck und frohem BlickSich grüßen die GenossenUnd denken an die Zeit zurück,Die seit dem Bau verflossen.Durch Streben, Gänge allzumalZum Turme kommt’s gezogen,Um Säulen, Pfeiler und PortalUnendlich Geisterwogen.
Am Himmel hält der Mond die Wacht,Es flüstern GeisterklängeLeis’ durch die stille, laue NachtWie froher Engel Sänge;Da schwirrt es sanft und rasch emporIm Schiff und auf den Gräten,Und sieh: auf Erwins Bau hervorDer Meister ist getreten.
Erwin von Steinbach – sei gegrüßt!Er schwebt zur höchsten Spitze,Wie ihn des Mondes Licht umfließtAuf seines Thrones Sitze!Und zu ihm auf zur selben ZeitEin Mägdlein schwebt mit Winken,Mit goldnem Haar und weißem Kleid,Den Meißel in der Linken.
Jungfrau Sabina hold verklärtVom Sternenglanz umflossen,Wie ist die Künstlerin geehrtVon allen Werkgenossen!„Mich trieb Begeistrung –“ spricht die Maid –„Gott und der Kunst zu dienen,So bin auch ich voll FreudigkeitZu dieser Stund’ erschienen.“
Und alle neigen sich vor ihrUnd vor dem Meister nieder:„Gegrüßt! gegrüßt! so sehen wirAuf Jahr und Tag uns wieder.Das ist der rechte Hüttentag,Den freie Maurer halten,Baubruder! komme was da mag!Dies Werk wird nie veralten!“
Und horch! da hallt es eins vom TurmAuf Straßburgs Kathedrale.Ein Glockenklang als läut’ es Sturm!Und husch mit einem maleVom Turm und in des Münsters SchoßEin Sausen und ein Brausen,Bald sanftes Säuseln, bald Getos,Bald innen und bald außen.
Dann alles still. – Zur Ruh’ hinabDie Geister sind gegangenUnd alle hält das kühle GrabNun wieder still umfangen,Bis wieder zur JohannisnachtZwölf Schläge sie befreien,Und sie das Werk, das sie vollbracht,Mit Segensgrüßen weihen. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 68-71, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Johannisnacht im Münster“, Fassung 4.601.053 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
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