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Versbuch

Klöpplerinnen

Louise Otto-Peters · 18191895

32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Seht Ihr sie sitzen am KlöppelkissenDie Wangen bleich und die Augen rot!Sie mühen sich ab für einen Bissen,Für einen Bissen schwarzes Brot!

Großmutter hat sich die Augen erblindet,Sie wartet, bis sie der Tod befreit –Im stillen Gebet sie die Hände windet:Gott schütz’ uns in der schweren Zeit.

Die Kinder regen die kleinen Hände,Die Klöppel fliegen hinab, hinauf,Der Müh’ und Sorge kein Ende, keine Ende!Das ist ihr künftiger Lebenslauf.

Die Jungfrauen all, daß Gott sich erbarme,Sie ahnen nimmer der Jugend Lust –Das Elend schließt sie in seine Arme,Der Mangel schmiegt sich an ihre Brust.

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen,Seht Ihr die Spitzen, die sie gewebt:Ihr Reichen, Großen – hat das GewissenEuch nie in der innersten Seele gebebt?

Ihr schwelgt und prasset, wo sie verderben,Genießt das Leben in Saus und Braus,Indessen sie vor Hunger sterben,Gott dankend, daß die Qual nun aus!

Seht Ihr sie sitzen am KlöppelkissenUnd redet noch schön von Gottvertraun?Ihr habt es aus ihrer Seele gerissen,Weil sie Euch selber gottlos schaun!

Seht Ihr sie sitzen am KlöppelkissenUnd fühlt kein Erbarmen in solcher Zeit,Dann werde Euer SterbekissenDer Armut Fluch und all ihr Leid!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 61-62, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Klöpplerinnen“, Fassung 2.317.342 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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