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Versbuch

Meine Lieder

Louise Otto-Peters · 18191895

40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Als Kind schon nahm die Leier ich zu Handen –Denn früh verlernte ich der Kindheit Spiele;Ich träumte nur in stillen DichterlandenEntrückt der Schwestern lärmendem Gewühle.Ob auch mein Lied verstimmt und schrill geklungenGleich einer Glocke, die entzwei gesprungen,Dumpfdröhnend nur und unharmonisch läutet:Ich wußt es doch was Dichterlust bedeutet!

Ich sang von Schmetterlingen und von Sternen,Sang meinen Teuern, die im Jenseit wallen,Ich sang von Gott und heilgen Himmelsfernen,Bald auch von Rosen und von Nachtigallen,Von Nachtigallen, denn im LiebeshaineFühlt ich der Liebe Wonne als die meine –Fühlt ich ein neues Wesen mich geworden –Da – ha! ein Schlag – ich stand an Grabespforten.

Sie gähnten weit und schlossen dann sich wieder –Ich blieb zurück auf thränenfeuchter Erde,Um mich verdorrte Kränze, Klagelieder,In mir ein Feuer, das am Herzen zehrte! –Was sing ich nun? – soll ich in eitlen Klagen,Der kalten Welt von heißen Schmerzen sagen?Soll ich um Mitleid singend betteln gehen?Soll feig den Tod ich um Erlösung flehen? –

O Eines, Eines hab ich mir gerettet,Es ist der Stolz, der mit dem Schicksal ringet,Der sich wohl auch auf einem Grabe bettet,Und doch im Leide festen Mut erzwinget.O der weiß nichts von starren OhnmachtskrämpfenEr wagts noch um das höchste Gut zu kämpfenAuf denn zum Lied! als Schwert solls Euch begegnenEs ist gefeit zum Rächen und zum Segnen.

Das Lied der Freiheit ist mir noch geblieben –Ich will es kühn vor ihren Feinden singen;Es soll mit Jubeln und mit heilgen LiebenZu ihnen und des Volkes Freunden dringen.Sie können höhnen mich und schweigen heißen,Die Lieb zur Freiheit nimmer mir entreißen.In solchem Kampfe fühl ich mich gefunden:Der Streit der Freiheit heilt der Liebe Wunden.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 38-39, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Meine Lieder“, Fassung 638.523 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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