Ein Gefangener
Louise Otto-Peters · 1819–1895
90 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Ein Gefangner.(1852).
Auf des Erzgebirges KammeStand der Berge freier Sohn,Hohen Geistes FeuerflammeSchien aus seinem Aug’ zu lohn,Unter goldnen LockenhaarenGlänzt auf hoher Stirn geschrieben:In dem Dienst des EwigwahrenBin ich fest und treu geblieben.
Wie ein Held vergangner ZeitenSchwert und Leier in dem Arm,Für das Recht bereit zu streitenGegen mächt’ger Feinde Schwarm,Mit dem Liede, mit dem Schwerte,Mit der Schrift voll hohem Sinne,Den Verlassnen ein Gefährte,Treu und keusch im Dienst der Minne.
Also auf der Heimat FlurenBlickt er sinnend her um sichBei des Frühlings ersten Spuren,Da der Winter zagend wich –:„Ein Gefangner!“ hört man flüstern,Sei’s auch nur von seinem Hüter,Oder von des Waldes Rüstern,Die ihn grüßen als Gebieter.
Ein Gefangner schon seit JahrenUnd verurteilt jahrelang,Weil, die Freiheit zu bewahren,Er das Schwert im Kampfe schwang –Und nun heut von seiner KetteAuf den einen Tag befreit –Zu des Vaters SterbebetteGab sein Wächter ihm Geleit.
Horch! ihn grüßt der Freiheit Lerche,Die von fern er nur gehört,Grüßend stehn die alten BergeSeiner Heimat hoch verehrt.In dem dunklen TannenwaldeTönt’s im Lispeln und im Rauschen:Sieh! noch bin ich ganz der alte,Willst mich nicht dem Kerker tauschen?
Wohl bekannt hier alle Wege,Manch ein sichrer Zufluchtsort;Fliehe auf vertrautem Stege,Flieh’ von Deinem Wächter fort!Also rufen tausend LauteLockend in das freie LebenDem, der nur den Kerker schaute,Der noch lang ihn soll umgeben.
Fraß der Gram am VaterherzenUm den langgefangnen Sohn,Daß er stirbt in Sehnsuchtsschmerzen,Wird der Tod nicht auch bedrohnSeiner Mutter teures Leben,Wenn er fort im Kerker schmachtet?Wird die Braut – er sieht sie schweben,Winken – und sein Blick umnachtet.
Und er träumt von süßen Wonnen,Sieht die zitternde Gestalt,Wie aus ihrer Augen BronnenLiebesblick und Thräne wallt –Weiß, er kann ihr Trauern endenKann entfliehn, sich ihr vereinen!Ihr Geschick in seinen Händen:Sel’ges Lächeln wird dies Weinen! –
Doch – er hat sein Wort gegebenUnd man hat dem Wort vertraut:Nicht den Fuß zur Flucht zu heben,Wenn die Heimat er erschaut.Seinem Richter, seinem HüterHat im Handschlag er’s versprochen,Sei’s um alle höchsten Güter:Nie hat er sein Wort gebrochen. –
Er betritt die heim’sche Hütte,Küßt des kranken Vaters Hand –Aus der Seinen trauter MitteTiefbewegt der Wächter schwand.„Diesem Mann kann ich vertrauen!“Murmelt er mit nassen Blicken,„Möcht’ ihn gern wo anders schauen,Als zurück zum Kerker schicken.“ –
Mit des Vaters letztem SegenDer Gefangne tritt hinaus;Ruft dem Wächter leis’ entgegen:„Führ’ mich wieder in Dein Haus.Habe Dank für diese Stunden,Die zum Troste mir geworden!“Frei und stolz und ungebundenKehrt er zu des Kerkers Pforten.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 152-155, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ein Gefangener“, Fassung 3.662.796 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
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