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Versbuch

Korn und Wein

Louise Otto-Peters · 18191895

102 Zeilen in 27 Strophen · zuerst gedruckt 1893

I. Blütezeit.

Nun blüht das Korn, nun blüht der Wein,All um ein lieblich Düften,Man atmet lauter Segen einIn linden Abendlüften.

Noch blüht das Korn, noch reift es nicht,Will selbst sich duftend weihen,Durchglüht vom warmen SonnenlichtDen Segen prophezeien.

Wir bitten all um täglich Brot –Doch doppelt ist’s gesegnet,Wenn uns im Juni-AbendrotDer Aehren Duft begegnet

Wir trinken ihn mit Wonne ein:Der blüh’nden Aehren KüssenSoll unserm Leben heilsam sein –So will im Volk man wissen.

O Volkesglaube rein und gut!Nur der ist reich zu nennen,Dem Blüten geben Hoffnungsmut,Eh’ noch die Frucht zu kennen.

Auch an der Rebe zart und dichtHervor die Träubchen sprießenUnd golden sich im SonnenlichtDie Blüten schon erschließen.

Sei mir gegrüßt du Aehrenfeld,Mit deinen leisen Wogen,Samt deiner blauen Blumenwelt,Die sich hinein verflogen,

Ein Duft, berauschend süßer ArtDurchzieht die Rebengänge,Des Sommers nahe GegenwartFügt sich zum Lenzgepränge.

O schöne Zeit! es blüht der WeinBeim Sang der Nachtigallen,Und wenn im gold’nen SonnenscheinDie Lerchenlieder schallen.

Und daher stammt die LiederlustWenn später im PokaleDer Wein erfreut der Menschen Brust,Belebt mit einem Male.

Und grüßt dann die ErinnerungAn Zeiten, da er blühte,So schafft sie die Begeisterung,Die nur für Höchstes glühte.

So mag des rechten Lebens BornDenn in uns übergehen:Drum sei gesegnet Wein und Korn,Wenn wir Dich blühen sehen.

II. Erntetage.

Verblüht ist längst so Korn als Wein!Der Aehren golden GlänzenLädt schon der Schnitter Scharen einZu frohen Erntetänzen.

Zur Arbeit, wie zur Freude ruftDer Sommer allerwegen,Und Vogelsang und BlumenduftVerschönen seinen Segen.

Bald aber streift ein kühler WindOb leeren Stoppelfeldern,Die Vöglein still geworden sindIn Büschen und in Wäldern.

Die Traube nur noch glüht und schwilltLangsam im Rebengarten,Es läßt des Herbstes schönstes BildGern lange sich erwarten.

Wer möchte tadeln sie darum?Ist erst auch sie genommen,Dann wird es einsam um und um,Dann droht des Winters Kommen.

Dann sind die Vöglein all’ verjagt,Die Schwalben fortgeflogen,Des Laubes Fallen traurig klagt,Von Rot und Gold durchzogen.

Drum segnen wir die letzte FruchtAls köstlichste von allen,Von sonn’ger Höhe bis zur SchluchtIhr Dankeslieder schallen.

Ob’s „Herbsten“ heißt im Volkesmund,Ob „es wird Wein gelesen“,Es thut sich allwärts jauchzend kundEin frisch und fröhlich Wesen.

Und weithin durch die Lüfte dröhnt’sAus Flinten und aus Böllern.Anwortend glänzend noch verschönt’sBuntfeuer von den Söllern.

Das ist die letzte Erntezeit –Wenn Trauben Most geworden:Dann hängt der Herbst sein buntes KleidStill an des Winters Pforten.

Doch Scheuern, Keller heimsten einDes Sommers höchste Gaben:So sei gesegnet Korn und Wein,Wenn wir geerntet haben.

Gesegnet sei in Blüt’ und FruchtVor allen Gottesgaben!Mag nun des Winters Sturm und WuchtDas letzte Blatt begraben.

Gab uns der Sommer doch genugSein Scheiden zu ertragen;Erinnerung und GeistesflugVerscheuchen alle Klagen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 281-285, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Korn und Wein“, Fassung 638.520 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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