Die letzte Kornblume
Alfred Henschke · 1890–1928
22 Zeilen · zuerst gedruckt 1927
Sie ging, den Weg zu kürzen, übers Feld.Es war gemäht. Die Aehren eingefahren.Die braunen Stoppeln stachen in die Luft,Als hätte sich der Erdgott schlecht rasiert.Sie ging und ging. Und plötzlich traf sieAuf die letzte blaue Blume dieses Sommers.Sie sah die Blume an. Die Blume sie. Und beide dachten(Sofern die Menschen denken können, dachte die Blume …)Dachten ganz das gleiche:Du bist die letzte Blüte dieses Sommers,Du blühst, von lauter totem Gras umgeben.Dich hat der Sensenmann verschont,Damit ein letzter lauer BlütenduftÜber die abgestorbene Erde wehe –Sie bückte sich. Und brach die blaue Blume.Sie rupfte alle Blütenblätter einzeln:Er liebt mich – liebt mich nicht – er liebt mich … nicht. –Die blauen Blütenfetzen flattertenWie Himmelsfetzen über braune Stoppeln.Ihr Auge glänzte feucht – vom Abendtau,Der kühl und silbern auf die Felder fielWie aus des Mondes Silberhorn geschüttet.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Harfenjule S. 53, 1. Auflage, Die Schmiede, Berlin, 1927
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die letzte Kornblume“, Fassung 3.533.938 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Alfred Henschke starb 1928; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1998 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 1182379923 der Deutschen Nationalbibliothek.
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