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Versbuch

Neujahrsgruß an die Geistigen Deutschlands

Kurt Tucholsky · 18901935

36 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 5. Januar 1922

von Theobald Tiger

Blickt her!Ihr kamt ins leise Gleiten –die alte Zeit, sie winkt und winkt…Ihr dürft euch über Stile streiten,indes Ihr immer tiefer sinkt.

Im Schrank hängt noch ein guter Sacco,im Bord steht noch ein Lederband.Einst saht Ihr noch die Sadda Yacco,Ihr wußtet, wo Mentone stand.

Und immer kleiner wird die Wohnung,und immer kleiner wird der Kreis.Uns alle fleddert ohne Schonungdes Unternehmers Hungerpreis.

Wann habt Ihr aus den stickigen Lüftenzum letzten Male ausgespäht?Was wissen wir von fremden Düften,von dem, was draußen vor sich geht?

Kommiß. Kommiß. Und Bureaukraten.Er hats geschafft, der Militär:Vom Volk der Denker und Soldatennimmt Keiner einen Knochen mehr.

Ihr repetiert die alten Liederzum Ueberdruß. Die Muse schielt.Ein sanfter Balkan senkt sich nieder,in dem ihr keine Rolle spielt.

Der starke Händler sitzt am Ruder,die Finger dick, den Nacken feist.Du bist ein, bleibst ein armes Luder,auch wenn du hübsch zu schreiben weißt.

Und Frauen, Blumen, Weltenräume,sie blühn für Den, der stärker war.Schlag, Künstler, deine Purzelbäume!Du bist nicht mehr. Es fliehn die Träume…In diesem Sinn:Ein frohes Jahr –!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die Weltbühne. Jahrgang 18, Nummer 1, Seite 23., Verlag der Weltbühne, Berlin, 5. Januar 1922
Digitalisat
de.wikisource.org — „Neujahrsgruß an die Geistigen Deutschlands“, Fassung 3.530.629 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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