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Versbuch

O du mein Oesterreich —!

Kurt Tucholsky · 18901935

44 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 7. Januar 1930

O du mein Oesterreich —! von Theobald Tiger

Wie mußt du es machen?So mußt du es machen:

Jahrelang die Bauern aufhetzen,jahrelang auf Straßen und PlätzenWien verfluchen — „Die rote Gefahr!“und kein Wort davon, wer es eigentlich war,der Oesterreich in den Kriegstaumel riß …kein Wort von den Göttern der Finsternis …Teuerung … Kirchenglocken … Tumult …„Wien! das marxistische Wien ist schuld!“

Wie mußt du es machen?So mußt du es machen:

Den Proleten langsam den Weg verrammeln,alle die Jahre Waffen ansammeln;Heimwehr? An Schloßkaminen geboren;Kulaken, die ihren Krieg verloren …von deutschen Fascisten unterstützt,von Pfaffen getrieben und ausgenützt …Gegen den wiener Wasserkopferhebt sich ein tiroler Kropf.Aus dunkeln Quellen fließt Geld — das wirds schaffen …Übungen … Märsche … und Waffen und Waffen …

Wie mußt du das machen?So mußt du das machen.

Die Verfassung auf den Müll!Marsch auf Wien! Auf sie mit Gebrüll!Heimwehrdrohungen ohne Zahl —aber immer legal, immer legal.Schlagt die Juden tot! Oesterreich ist arisch!aber immer gesetzlich-parlamentarisch.Vorn ernste Verhandlungen mit Seipel a. D. —und im Hintergrund eine weiße Armee.So kann man dem Arbeiter alles rauben.

Das sollten sich mal die Roten erlauben!Drohung? Mit Waffen? Ein Heimarbeitsbund?Europa brüllte den Hals sich wund.Revolutionen erleben wir ringsvon rechts — mit dem Vokabular von links.Und so sind die fascistisch verkleideten MassenNachtportiers der besitzenden Klassen.Arm soll verrecken — aber reich bleibt reich.O du mein …o du mein Oesterreich —!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die Weltbühne. 26. Jahrgang 1930, Nummer 2, Seite 47., Verlag der Weltbühne, Berlin, 7. Januar 1930
Digitalisat
de.wikisource.org — „O du mein Oesterreich –! (Tucholsky)“, Fassung 4.066.941 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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