Lied der Kupplerin
Kurt Tucholsky · 1890–1935
65 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 11. Oktober 1927
Szene aus einer Revue von Alfred Polgar und Theobald Tiger
Suchen zweinachts um drei –„Pst“ mach ick – „hier is ’n Zimmer frei –!“Treppe kracht,in dunkler Nacht –„He – fall mir keener in den Fahrstuhlschacht!“Rin ins Zimmer.Matter Schimmer.Ick davor.In ’n Korridor ...Jedoch:Feiern die die Orchideen –Ick stopp mein’n Mann seine Strümpe.Ick will den Rummel jahnich sehn –ick stopp bis frieh um fimfe.Masochisten,Homosexwalisten,frisch jelehrjeMinderjährjevaitressiern mir nich so sehrals wie mein Mann seine Strümpe.
Ick sitz stur.Manchmal nurSchlägt in unsan Salon die Uhr.Wäsche bauschtsich – Wasser rauscht –ick hör, wie eena Küsskens tauscht.Da jehts hart auf hart ...Matratze knarrt.Nebenbeiein doller Schrei –!na, na ...Ick gucke durch keen SchlüssellochIck stopp mein Mann seine Strümpe.Ick laß sie muddeln noch und noch –ick stopp bis frieh um fimfe.Junge MeiseZittergreise –Rennbanditen –Transchvestiten –lauter Bruch aus ’n Ausverkauf –wie mein Mann seine Strümpe.
Jahr für Jahr –det is klar –horch ick, wat in die Stuben war.Wie sie sich quäln,und krakeehln –mir kann keiner was erzähln.Neulich kam vorbeieener von die Polissei.Und statt Platz zu nehm,sagt er: „Sie solln sich was schäm –!“Nanu –?Ick bin eine brave Frau –ick stopp mein Mann seine Strümpe.Mit die Wirtschaft nehm icks ganz jenau –ick stopp bis früh um fimfe.Det Jelichter,die Bühnendichter,wat die da schreihmvon unsan Treihm –:die ham ja keene Ahnung nichvon mein Mann seine Strümpe –!Mit Genehmigung der Direktion des Deutschen Theaters
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Weltbühne. 23. Jg. 1927, Nr. 41, S. 562–563., Verlag der Weltbühne, Berlin, 11. Oktober 1927
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Lied der Kupplerin“, Fassung 3.780.583 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.