Ludendorff oder Der Verfolgungswahn
Kurt Tucholsky · 1890–1935
32 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 6. November 1928
von Theobald TigerHast du Angst, Erich? Bist du bange, Erich?Klopft dein Herz, Erich? Läufst du weg?Wolln die Maurer, Erich – und die Jesuiten, Erich,dich erdolchen, Erich – welch ein Schreck!Diese Juden werden immer rüder.Alles Unheil ist das Werk der .·. .·. Brüder.
Denn die Jesuiten, Erich – und die Maurer, Erich –und die Radfahrer – die sind schuldan der Marne, Erich – und am Dolchstoß, Erich –ohne die gäbs keinen Welttumult.Jeden Freitag abend spielt ein Kapuzinermit dem Papste Skat – dazu ein Feldrabbiner;auf dem Tische liegt ein Grand mit Vieren –dabei tun sie gegen Deutschland konspirieren …Hindenburg wird älter und auch müder …Alles Unheil ist das Werk der .·. .·. Brüder.
Fährst du aus dem Schlaf? Die blaue Brilleliegt auf deinem Nachttisch wohl bereit?Hörst du Stimmen?Das ist Gottes Wille,Ludendorff, und weißt du, wer da schreit –?Hunderttausende, die jung und edelsterben mußten, weil dein dicker Schädelsie von Grabenstück zu Grabenstück gehetztbis zuletzt.Ackerkrume sind, die Deutschlands Kraft gewesen.Pack die Koffer! Geh zu den Chinesen!Führ auch die bei ihren Kriegen!Ohne Juden wirst du gleichfalls unterliegen.Geh nach China! Und komm nie mehr wieder –!Alles Unheil ist das Werk der Heeresbrüder.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Weltbühne. Jahrgang 24, Nummer 45, Seite 700, Verlag der Weltbühne, Berlin, 6. November 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ludendorff oder Der Verfolgungswahn“, Fassung 1.616.728 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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