Mit einem blauen Auge
Kurt Tucholsky · 1890–1935
28 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1919
Die alten Kegelbrüder seh ich wieder.Sie überlebten selbst des Krieges Lauf.Sie schicken revolutionäre Liedergleich Taubenschwärmen in das Blau hinauf.Und locken sie zurück:nun hängt ein Wenn und Aber im Gefieder– ein Glück! Ein Glück!
Das Land im Elend. Wer ist schuld am Ganzen?am Krieg, und daß man ihn so schwer verlor?Man sieht die Wackern zierlich eiertanzen.Sie schreiten voller Schwung drei Schritte vorund drei zurück.Man braucht ja doch die blanken Söldnerlanzen– welch Glück! Welch Glück!
Der Domestik liebt seine Offiziere.Der gute, brave, liebe Ludendorff!Das wütete vier Jahre wie die Stiere.Reißt einer auf den alten Wundenschorf?Sanft holt man ihn zurück –und bleibt hübsch maßvoll bei dem Stammtischbiere– sein Glück! Sein Glück!
Du bunte Bestie mit den tausend Armen!Wär dieses Volk politisch stark und reif:es riß die Fenster auf im stubenwarmenGemach – Luft! Luft! und Frühjahrsreif!Du kehrtest nie zurück.Und keiner hätte mit dir Vieh Erbarmen– dein Glück! Dein Glück!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 61, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Mit einem blauen Auge“, Fassung 3.779.310 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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