Ideal und Wirklichkeit
Kurt Tucholsky · 1890–1935
28 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 5. November 1929
Ideal und Wirklichkeit von Theobald Tiger
In stiller Nacht und monogamen Bettendenkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.Die Nerven knistern … Wenn wir das doch hätten,was uns, weil es nicht da ist, leise quält.Du präparierst dir im Gedankengangedas, was du willst – und nachher kriegst dus nie …Man möchte immer eine große Lange,und dann bekommt man eine kleine Dicke –Ssälawih –!
Sie muß sich wie in einem Kugellagerin ihren Hüften biegen … groß und blond.Ein Pfund zu wenig – und sie wäre mager …wer je in diesen Haaren sich gesonnt …Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,der Eile und der Phantasie …Man möchte immer eine große Lange,und dann bekommt man eine kleine Dicke –Ssälawih –!
Man möchte eine helle Pfeife kaufenund kauft die dunkle – andere sind nicht da.Man möchte jeden Morgen dauerlaufenund tut es nicht … Beinah … beinah …Wir dachten unter kaiserlichem Zwangean eine Republik – und nun ists die –!Man möchte immer eine große Lange,und dann bekommt man eine kleine Dicke –Ssälawih –!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Weltbühne. 25. Jahrgang 1929, Nummer 45, Seite 710., Verlag der Weltbühne, Berlin, 5. November 1929
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ideal und Wirklichkeit“, Fassung 1.164.373 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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