Kartengruß aus dem Engadin
Kurt Tucholsky · 1890–1935
31 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 27. Juli 1926
Kartengruß aus dem Engadin von Theobald TigerUnten im weißen Nietzsche-Hausgeht Ludwig Fulda ein und aus und ein und aus.Wegen congenial.Drum herum wallen und ziehnMenschenbrocken, ausgespienaus Berlin.Herr Wendriner, Frau Wendriner.Lauter ringfeine Smoking-Berliner.Wenn sie durch die Landschaft gehn,wird ihnen hintenrum so mondain.Sie machen mit den Kellnern Krach,sie sind wie im Geschäft: überwach.Der Fexgletscher leuchtet in eisiger Ruh –ihr Gesicht sagt: Das steht mir nämlich zu.Ich hab es bestellt. Ich hab es bezahlt.Für mich ist der Zauber hier aufgemalt.Nachts unter den ewigen Sternenwerden sie in grauen Kasernenuntergebracht. Da, in den Riesenhotels,schlummern die großen Frauen voll Schmelzselig im Arm der Liebe. Na, Arm …Die Leipziger Straße hat ihren Charmehier hinaufgeschickt in sauerster Süße …
Du guter Leser – herzliche Postkartengrüße!Hier gletschern die Gletscher. Der Fexbach rauscht.Die Sonne brennt. Das Zeltdach bauschtsich im heißen Mittagswind.Ein Kindlein pflückt bunte Blumen lind.Da sitzt Theobald und fühlt innerlich:Und wer pflückt mich?
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Weltbühne. Jahrgang 22, Nummer 30, Seite 151, Verlag der Weltbühne, Berlin, 27. Juli 1926
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Kartengruß aus dem Engadin“, Fassung 999.981 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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