Kino-Atelier
Kurt Tucholsky · 1890–1935
23 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 10. Oktober 1919
Von Theobald Tiger
Da vorne klemmt ein Jraf sich das Monokelplatt ins Gesicht – die Bogenlampe zischt.Ein Gazefräulein steht auf einem Sockel –der dicke Regisseur brüllt: „Das is nischt!“
Zweihundertvierzig Mädchen trippeln zierlichauf einer Treppe, steil bis unters Dach –Ein kleines dickes Baby schluckt manierlichdie Milch –der Chef macht mit der Diva Krach.
In dieser Ecke stößt ein Intrigantedem Helden – brr! – das Messer in den Bauch.In jener Ecke spritzt die gute Tanteder böse Neffe mit dem Gartenschlauch.
Die Dirne lümmelt sich an ihren Buhlen.Der Herr Beleuchter macht sich nichts darausund knipst behufs Erzeugung einer schwulenVerführungsszene eine Lampe aus.
Und wenn ich mir dies Atelier bekieke,voll Kitsch und Lärm und Rummel, Schmerz und Spaß –:dann seh ich vor mir unsre Politike.Da spielt auch jeder nur die eigene Musike –und an das Ganze denkt kein Aas.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ulk Jahrgang 48. Nummer 41. Seite 150, Rudolf Mosse, Berlin, 10. Oktober 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Kino-Atelier“, Fassung 1.174.963 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.