Home, Sweet home
Kurt Tucholsky · 1890–1935
29 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1919
Berliner Muse mit den runden Hüften,den Tuchgamaschen und dem Samtbarett,umgaukle du mich in den staubigen Lüften:Komm, Göttin, sei mal nett!
Hier auf dem Rathausturm ists windig, Muse,der kalte Zug reißt mir die Leier weg –begleite mich, mein süßes Kind, halt du se:Ich singe so freiweg.
Da liegt die Stadt – nur schön bei Regenstürmen –teils an der Panke und teils an der Spree,mit Synagogenkuppeln, Kirchentürmenund einem Tanzpaleeh.
Und was da längs des grünen Bäumewallesso gülden gleißt (ich weiß nicht, ob dus kennst):das ist der Reichstag – doch es ist nicht alleshienieden Gold, was glänzt.
In jener Gegend wohnt die große Presse –sie macht erst unsre Zeit in Wort und Bild:dort sättigt der Berliner sein Interesse,nervös und injebildt.
Da hinten rechts, in jener dunstigen Weite,liegt der Komödienhäuser dichter Hauf –und gehn sie alle, alle langsam pleite:dann macht man neue auf.
Und, siehst du, hier verbringt man so sein Leben.Da draußen rauschen Wälder, Wolken ziehn –Wir passen auf, was sie für Possen geben,und wie sie vor den Uniformen beben! –O du mein Heimatland, du mein Berlin!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 79-80, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Home, sweet home“, Fassung 3.790.934 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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