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Versbuch

Dichtkunst 1926

Kurt Tucholsky · 18901935

47 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 5. Januar 1926

Dichtkunst 1926 von Theobald Tiger

Was werden die Dichter heuer schreiben –?Das wird auch in diesem Jahre so bleiben:

Wenn der Sekundaner, sanft erhitzt,vor einem nackerten Bilderbuch sitzt,steigt ihm das Blut in die Gefäße,er wackelt leise mit dem Gesäße;hochrot der Kopf, hochrot das Ohr,stellt er sich etwas Schönes vor:eine züngelnde und rundbauchige Fee –und dann spielt er mit seiner Lieblingsidee.

So auch der Deutsche.Alle Knaben,die eine Schreibmaschine haben,verfassen heute radikaldie Weltgeschichte noch einmal.

Der alte Fritz sagt mürrisch; „Er …!“und plaudert mit dem Affen Voltaire;er kann zwar nicht richtig deutsch buchstabieren,doch das tut der Krückstock remplacieren –davon leben die Biographen.

Die Juden vom Film gehn mit Bismarck schlafenund stehn mit Moltken wieder auf –das ist so der deutsche Lebenslauf.Arminius, der Große Kurfürst und Steinspielen einen schönen Bierskat zu Drein;Blücher und Barbarossa mit Bartkiebitzen dazu auf deutsche Art;und inmitten dieses großen Geschreissteht Turnvater Jahn und riecht nach Schweiß.Und segnend schwebt über alle Diesedie gute Königin Luise,eine wahrhafte, echte, deutsche Frau.

Fällt einem nichts ein, schreibt er: Gneisenau.Und auch die Operetten aus Wienbenötigen Landes-Dynastien(mit Renten).So besinnt sich weit und breitder Deutsche auf seine Vergangenheit:Hochrot der Kopf, hochrot das Ohr,stellt er sich etwas Schönes vorin Büchern, Theaterstücken, Journalen –und dann spielt er mit seinem Nationalen.

Denn dieses Deutschtum mit Sonnenstichist eine Beschäftigung an und für sich.Es gibt Leute, die statt Kinder zu zeugen, schreiben.Das wird auch im kommenden Jahre so bleiben.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die Weltbühne. Jahrgang 22, Nummer 1, Seite 33, Verlag der Weltbühne, Berlin, 5. Januar 1926
Digitalisat
de.wikisource.org — „Dichtkunst 1926“, Fassung 998.992 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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