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Versbuch

Großstadt-Weihnachten

Kurt Tucholsky · 18901935

25 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 25. Dezember 1913

von Theobald Tiger

Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Flurendie Weihenacht! die Weihenacht!Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,den Aschenbecher aus Emalch glasé.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschenauf einen stillen heiligen Grammophon.Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschenden Schlips, die Puppe und das Lexikohn.

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,voll Karpfen, still im Stuhl, um halber Zehn,dann ist er mit sich selbst zufrieden und im Reinen:„Ach ja. so’n Christfest is doch ooch janz scheen!“

Und frohgelaunt spricht er vom ‚Weihnachtswetter‘,mag es nun regnen oder mag es schnei’n.Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,die trächtig sind von süßen Plauderei’n.

So trifft denn nur auf eitel Glück hiniedenin dieser Residenz Christkindleins Flug?Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …„Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die Schaubühne. Jahrgang 9, Nummer 52, Seite 1293, Verlag der Schaubühne, Berlin, 25. Dezember 1913
Digitalisat
de.wikisource.org — „Großstadt-Weihnachten“, Fassung 3.779.870 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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